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Kolumne: Wertungsdiskussion um Breath of the Wild

Am Grabbeltisch #1:
St. Zelda und das Mirakel von Breath of the Wild

Was ist nur los in den letzten Tagen? Der offizielle Verkaufsstart der Nintendo Switch und damit der Release der Starter-Titels The Legend of Zelda: Breath of the Wild rücken näher. Sowohl um die Konsole als auch um den neuen Ableger der legendären wie beliebten Zelda-Franchise ist in den letzten Monaten ein ordentlicher Hype entstanden. Während sich bei der Switch da auch einige (berechtigte) kritische Stimmen hinzu gesellt haben, scheint sämtlicher Schlamm, mit dem man das neue Zelda hätte bewerfen können, sich im Abfluss verflüchtigt zu haben. Der durchaus kontroverse Ausflug in eine so in der Reihe noch nicht da gewesene Open World, die Sorge um zu wenige, zu kurze oder anspruchslose Dungeons, die Befürchtung einer nur schwach erzählten oder inszenierten Geschichte vom Tisch. Die Befürchtung zwar eine große und hübsche, schlussendlich aber sinnlos leere Welt vorzufinden oder mit nervigen Pflicht-Survival-Elementen wie zerbrechenden Waffen und Hunger konfrontiert zu werden? Kein Wort (mehr) davon. In Anbetracht eigener Anspielerfahrungen macht sich statt Ernüchterung jetzt vor dem großen Release tatsächlich Euphorie breit.

Vorab-Presseberichten überschlugen sich mit Lob, Spieler, die, dank sagen wir liberaler Händler, bereits Spieleindrücke sammeln konnten, sind begeistert und selbst als eher kritisch geltende Medien vergeben Topwertungen. Im Falle der deutschen GamePro schlägt es sogar die Konsolenversion von The Witcher 3, das zuletzt nach Meinungen der Kollegen von der GameStar den neuen Standard für das Rollenspiel-Genre gesetzt hatte. Und wenn man sich das alles anhört, könne man, in Anspielung an Christian Schmidts Monkey Island 3-Vergleich, zu der Auffassung gelangen Gott sei in Form von The Legend of Zelda: Breath of the Wild als Action-Adventure vom Himmel gestiegen. Und der kleine Fanboy in mir jubiliert und würde das neue Evangelium am liebsten sofort konsumieren wollen. Allerdings ist da dann auch diese andere Stimme in meinem Kopf, verkörpert hauptsächlich auch von Freunden, die im Gegensatz zu mir nicht schon grundsätzlich wohlwollend auf das Franchise blicken.

Das ganze veranlasst mich dazu, dass Ganze doch noch einmal zu durchdenken. Ich hatte dem Spiel gute Wertungen gewünscht und hätte selbst bei einem etwas durchwachsenden guten Ergebnis, denn schlecht oder mittelmäßig war bisher kein Zelda-Hauptteil, nur weniger gut als andere vielleicht, sicher einigen Mut zur Innovation hervorheben können, wozu ich auch gleich noch kommen will. Das die Wertungen aber in solche Höhen schießen und damit in Höhen wie der des als unschlagbaren Klassikers und unter Fans wohl als bestem Serienteil geltenden Ocarina of Time vorstößt, hat mich dann doch sehr überrascht, gerade weil einige nicht von der Hand zuweisende mögliche Probleme mit der neuen Ausrichtung, das Spielerlebnis zumindest auf einer objektiven Ebene hätten trüben können. Dass sich sowas aber in den Wertungen tatsächlich nicht niedergeschlagen hat, überraschte mich dann doch.

Und das könnte dem Spiel und in der Verbindung vielleicht auch der Presse nachträglich zum "Problem" werden. Wobei Problem hier freilich nur relativ zu sehen ist. Aber auch kleine lautstarke Gruppen können natürlich Debatten auslösen und dominieren, insbesondere dann, wenn ihre Spielerfahrung dann mit der zuvor vermittelten Erwartung auseinander klafft und >>die Idioten von der Presse mal wieder ein gehyptes Spiel überbewertet<< haben. Und dem will ich an der Stelle mal vorgreifen und die Wertungen in einen Kontext einordnen.

Im Allgemeinen versucht jeder, der diese Spiele bewertet dies natürlich nach halbwegs objektiven Gesichtspunkten zu tun, vergleicht mit ähnlichen oder anderen Spielen aus dem gleichen Genre und den Bewertungsmaßstäben, die man da angelegt hatte, sicher holt man auch mal die Bewertungen von Vorgängern, wenn es sich wie hier um einen Serienteil handelt, ein und gleicht auch damit ab. Man schaut sich an wie die Systeme funktionieren und ob und wie sie miteinander harmonieren. Am Ende aber ist der wichtigste Punkt in der Regel doch der subjektiv empfundene und dann objektivierte (begründete, mit der technischen Argumentation in Verbindung gebrachte) Spielspaß. Ein Spiel das Spaß macht und das durch gute, innovative, fortschrittliche oder zumindest den allgemeinen Standards entsprechende Funktionalität das auch unterstützt, verdient damit Topwertungen.

Nun ergibt sich das eine nicht zwingend aus dem anderen und häufiger als man denkt, können diese Punkte auch auseinander fallen. Sicher hatte jeder schon einige Spiele, die man als handwerklich nicht ganz ausgereift betrachten würde und die einem trotzdem, manchmal vielleicht auch gerade deswegen sehr viel Spaß gemacht haben, während andere Produkte handwerklich fast schon sklavisch alles richtig machen, denen aber schlussendlich die Magie, der richtige Kick, kurzum die Seele fehlt, was es zu einem Spiel deklassiert das halt nett ist. Auch damit können wir immer noch auf einer einfachen Ebene Spaß haben, ohne dass es uns nachträglich im Gedächtnis bleibt. Und das kann schon ein Punkt sein, der Wertungen beeinflussen kann. Da ist sicher keine Diskrepanz von 10 Punkte drin, aber ob das Spiel uns mit seinem ganz eigener Zauber einfangen kann, kann schon in einer Punktewertung leicht darüber entscheiden, ob aus einem guten, ein sehr gutes Spiel wird, ob Breath of the Wild bspw. Witcher 3 hinter sich lassen kann oder nicht.

Und tatsächlich hat Zelda da beste Voraussetzungen. Ocarina of Time hat Kindheiten geprägt. Die Geschichte vom Held, der Prinzessinnen rettet, ist einfach weil eingängig und die Welt ist auf eine Art und Weise detailverliebt, verspielt, magisch und eingängig ohne kindisch zu sein, dass es sie im Sinn des Wortes fantastisch ist. Und ich denke gemäß der Screenshots und Gameplay-Videos, die man in den letzten Monaten zuhauf anschauen konnte, dürfte das diesmal wieder so sein. Und die (lokalisierte) Sprachausgabe, eine der Neuheiten, dürfte da noch einmal eine ganze Portion Seele drauf legen. Wer also mit dem Franchise schon vorher affin war, den dürfte das womöglich dazu bewegen, das Ganze vielleicht noch etwas mehr zu wertschätzen, als jemanden, der mit Zelda bisher - erwähnte Freunde - nichts anfangen konnte.

Letzteres wird dann auch für die Neuerungen und von deren die größte gelten. Zwar haben auch schon Ocarina of Time oder Twilight Princess größere Open World Hyrules geboten, aber die Dimensionen und der leichte Survival sowie Sandbox-Ansatz, der ist für die Reihe ein Novum. Für Serienfans dürfte es damit erstmal den Nimbus einer neuen Erfahrung haben, diese bereits so bekannte Franchise-Welt aus dieser neuen Perspektive zu erleben, andere wiederum sehen darin nur etwas, dass sie bereits in dutzenden anderen Spielen auch bekommen könnte. Aber beim Zauber waren wir gerade. Allerdings kann die Tatsache, dass Zelda eben immer hauptsächlich ein Action-Adventure ist war der Sache noch einmal einen guten Spin verleihen. Rätsel, Puzzle, Fähigkeiten, Tools, versteckte Geheimnisse und Passagen, die sich nach und nach erst öffnen und sowohl ein bisschen Fertigkeit und Nachdenken abverlangen. Unser User Klunky, der bereits einen Blick auf das Spiel werfen konnte, bestätigt nochmal, dass man, weil die Welt durchaus sehr gut interaktiv nutzbar ist, mit den richtigen Dingen, eine Menge Unsinn anstellen oder ausprobieren kann - Magnetkraft sei Dank, oder man denke nur an die Möglichkeiten Wasser zu formen. Und Breath of the Wild wird mit Klettern, Gleiten, Schwimmen, Reiten auch eine Bewegungsfreiheit in dieser Welt ermöglichen, wie sie selbst Genre-Vertreter (gerade auch weil sie einen realistischen Darstellungsansatz haben) so bisher noch nicht bieten konnten, wie eben Witcher 3 oder Fallout 4, denn mit der Vertikale haben selbst sehr entwickelte Rollenspiele immer noch so ihre Probleme.

Allerdings zeigen beide Spiele, und gerade Fallout 4 vom Open-World-Sandbox erfahrenen Bethesda, auch gut, dass dieses Konzept so immersiv und spaßig es ist, auch seine Probleme mit sich bringt. So zum Beispiel die Open World mit sinnvollen Aufgaben, mit sinnvollen und motivierenden Belohnungen und Interaktionsmöglichkeiten zu füllen, sodass sie nicht nur eine leere Kulisse entsteht, die den Spieler schlussendlich nur nervt, weil es am Ende nur unnötige Wegverlängerung ist. Auch gestaltet sich das Erzählen einer Geschichte in so einer Welt schwierig, die den Spieler eigentlich mit viel mehr anderen Dingen und Gelegenheiten von seiner Queste ablenken kann und die eigentliche besondere Dringlichkeit typischer Weltrettungsplots damit zwischen Kräutersammeln, Höhle erkunden, Minispiel absolvieren verloren geht. Auch hier mag natürlich ein Zelda, das zumindest bisher zwar spaßige Geschichten erzählen konnte, aber die freilich ohnehin so anordnete und inszenierte, dass die Welterkundung a) ein zwingender Bestandteil der Queste und b) ein rhetorischer Zeitdruck selbst in Majoras Mask nie so evident war, als das man das Gefühl hatte Gameplay und Erzählung würden sich widersprechen. Aber daran zu glauben, dass Breath of the Wild aus dem Stehgreif plötzlich die Quadratur des Kreises, also eine durchweg motivierende Open World hinbekommt, will sich bei mir trotz der euphorischen Berichterstattung so nicht einstellen.

Schaut man sich das nachvollziehbare Statement zum Expansion-Pass zu Breath of the Wild an, wird deutlich, dass auch diese Spielwelt wohl noch so einige leere Flecken hat, die man befüllen kann. Das muss man nicht als Kritik nehmen, sondern das ist eben ganz normal, dass man in rentablen Entwicklungsmaßstäben so eine Welt nun einmal nicht bis in den letzten Winkel durchdesignen kann, obwohl es sicherlich viele Hotspots geben wird. Im Endeffekt dürften den Tests allen voran die Faszination und die Interaktivität der Welt zugrunde gelegen haben, als es darum ging zu beurteilen, wie gut das Spiel wegkommt. Das gelungene Ineinandergreifen der Systeme zusammen mit den Interaktionen macht die Welt zu einem spaßigen Erlebnis. Die GamePro spricht sogar von locker 100 Stunden Spielspaß und hebt auch die im Vergleich mit der Serie bisher beste Geschichte hervor. Ich glaube das "zunächst" dürfte aber der wichtigste Punkt sein.

Am Ende wird es eine Frage sein, wie viel Zeit ich in dieser Open World verbringen möchte und wie schnell ich mich eben entlang der interessanten Story voran arbeite. Die Frage danach wie schnell ich das Spiel beende (und es wird großen Wert darauf gelegt zu vermitteln, dass eben vieles optional ist, während Fans der klassischen Teile sich wohl relativ stringent an ihre Queste halten können), könnte dann maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie ich es im Endeffekt bewerte. Jede noch so gelungene Offene Welt nutzt sich mit der Zeit ab, weil nicht ständig irgendetwas Neues dazu kommt, vielfach bereits Bekanntes, dass zunächst noch spannend war, sich anzueignen, sich dann in wiedererkennbaren Mustern wiederholt. Bis zu einem gewissen Grad kann man das auffangen. Irgendwann kommt aber jedes Konzept an den Punkt wo es dann in die Phase der >>Länge<< eintritt. Gute, lineare Titel sind sich bewusst, ab wann sie redundant werden und leiten dann das Ende ein. Bei einer mit Bewegungsfreiheit des Spielers ausgestatteten Welt funktioniert das nicht. Im Endeffekt muss jeder selbst entscheiden, wann er genug hat, das Gefühl aber eben das Spiel nicht komplett gespielt zu haben und selbst wenn es nur noch um das Abarbeiten von ein paar Truhen geht, bleibt vielleicht doch beim ein oder anderen. Zeit ist also ein wichtiger Faktor und eben die Frage, ob und wie viel Spaß man daraus zieht, ab einem bestimmten Punkt Dinge, in Variation zu wiederholen, die man vielleicht schone zwei, drei Male gemacht hat.

Um zur Conclusio zu kommen. The Legend of Zelda: Breath of the Wild fährt Bestnoten ein und diese Bestnoten sind wahrscheinlich auch unabhängig des Hypes begründbar, in dem das Spiel einerseits auf die Faszination und den Zauber des Serien-Franchise setzt und alte Stärken pflegt (woran nach dem bisher zu sehenden eigentlich kaum Zweifel besteht, eher wurde die Immersion mit dem stärkeren Story-Fokus und der Sprachausgabe sogar noch einmal deutlich vergrößert) und das mit dem Erkunden und Erleben einer spielmechanisch runden Offenen Welt kombiniert.

Ist also Gott als Action-Adventure auf die Welt herabgestiegen? Wahrscheinlich nicht. Hohe Bewertungen und ein auch objektiv gutes Spiel sind kein Garant für eine persönliche, gute Spielerfahrung. Wer mit dem Franchise und der Welt bisher schon nichts anfangen konnte, dem wird auch der Zauber des neuen Zeldas abgehen und vielleicht schon von vornherein nüchterner auf das Spiel schauen. Das ist in Ordnung. Vielleicht sagt einem eine zynische Endzeit-Vision, wie die von Fallout oder eine dreckige Fantasy-Welt wie die des Witchers mit seinen moralisch grauen Geschichten mehr zu.
Vielleicht erhofft man sich auch von einem Action-Adventure eine linearere, fokussiertere Spielerfahrung, wie in den klassischen Zeldas oder ist der Open World inzwischen einfach überdrüssig nach den Assassins Creeds oder Far Crys dieser Welt mit ihrem sprichwörtlich gewordenen formelhaften Design. Und sicher hat auch Breath of the Wild in dem ein oder anderen Bereich seine Schwächen und die Presse muss sich freilich auch gefallen lassen, dass man mit den Wertungen vergleicht, die sie anderen Spielen gegeben haben und die dann zu denen von Breath of the Wild in Beziehung setzt, andererseits deklassiert das im Endeffekt nicht das Spiel und auf diese Weise die Wertung an sich. Das Ganze bestimmt aber sehr wohl, ob man ganz persönlich das Spiel mögen und die Bewertung unterstützen oder für übertrieben ansehen wird.

 

Was ich daher empfehlen will, mag zwar klingen wie aus den 100 Glückskeksweisheiten von Captain Obvious, mag angesichts einiger - wenn ich mal meine Freunde auf eine größere Gruppe aufrechne - die jetzt schon die Wertungen, aus genau den genannten Gründen, nicht nachvollziehen können, aber doch noch einmal nötig sein: Eine so hohe Wertschätzung allein, bedeutet nicht, dass das Spiel unabhängig von eigenen Prämissen, quasi als Standard-Klassiker jedem Spieler zu empfehlen ist. Nicht die Wertung macht das Spiel gut, sondern ein gutes Spiel macht die Wertung. Statt also zu glauben, wenn es so eine hohe Wertung hat, dass jeder Spieler daran seinen Spaß haben wird, und jetzt im Strudel des Hypes und der Erwartung, das jeder das gespielt haben müsse, blind zuzugreifen und danach über die irreführende Wertung zu mosern, schaut am besten, ob das, was das Spiel sein will, euch zusagt.