The 3rd Birthday

Cover von The 3rd Birthday

Review

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An dieser Stelle bedanke ich mich recht herzlich bei Square Enix-Deutschland, die unserem Team ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

 

Das Spiel

Lange mussten Fans der Parasite Eve-Serie auf einen neuen Ableger warten und die Freude war groß, als dann endlich die erlösenden Informationen zu einem möglichen dritten Teil durchsickerten – zur Enttäuschung der Fans sollte es sich dabei um einen Titel für Mobiltelefone handeln. Doch 2008 hieß es aufatmen, denn Square Enix ließ überraschenderweise verlauten, den Titel exklusiv für die PSP zu entwickeln. Drei Jahre später war es zumindest in Japan so weit und „The 3rd Birthday” erschien am 22.12.2010 pünktlich zum Fest, immerhin fast elf Jahre nach dem Vorgänger. Ein Release im Westen erfolgte dann recht zügig zum 1. April in Europa, beziehungsweise in den USA am 29.03.2011.

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Die Story

2012 steht in New York buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen, denn nach einem plötzlichen Angriff von feindlichen Monstern („Twisteds”) wurde ein Großteil der Stadt verwüstet und deren Bewohner kaltblütig abgeschlachtet. Nach kurzer Zeit ist New York nur noch ein Schatten seiner selbst, das von der Hochburg der Twisteds „The Babel” überragt wird. Übrig geblieben sind einige wenige, unter anderem Aya Brea, die sich einer Organisation zur Bekämpfung der Twisteds mehr oder weniger freiwillig angeschlossen hat. Grund: Nur sie beherrscht die „Overdive-Fähigkeit” und kann so in die Körper anderer Menschen schlüpfen und auch durch Raum und Zeit reisen. Besonders letzterer Aspekt kommt in der Geschichte zum Tragen, denn die Organisation rund um den zwielichtigen Hyde Bohr benutzt Ayas Fähigkeit, um die Vergangenheit und somit auch die Zukunft zu ändern. Ob ihr Vorhaben gelingen wird und woher die Twisteds eigentlich stammen und was sie vorhaben sind hierbei die zentralen Fragen, die euch durch das Spiel begleiten.

Das klingt auf den ersten Blick gar nicht schlecht und tatsächlich bietet „The 3rd Birthday” im Bereich der Geschichte deutlich mehr als andere 3rd Person Shooter. Endzeitsetting, gepaart mit widerlichen Mutanten und menschenleere Gassen und Gebäude vermitteln eine sehr beklemmende Atmosphäre und bieten ein ansprechendes Setting. Für ein Handheldspiel wurde auch im Bereich der Präsentation Außergewöhnliches geleistet, die einem Heimkonsolenspiel (außer der logischerweise schwächeren Grafik) in nichts nachsteht und euch mit vielen Zwischensequenzen bei der Stange hält. Es muss aber ganz klar gesagt werden, dass die Geschichte nicht der maßgebende Faktor ist/sein sollte, wenn man sich das Spiel zulegt. Die von Toriyama (bekannt durch die Geschichte zu Final Fantasy XIII) geschriebene Story wartet zwar mit vielen unvorhersehbaren Wendungen auf, ist aber über weite Strecken unbefriedigend erzählt. Um konkreter zu werden: Die Dialoge geben nicht viel her. Der Spieler hat immer das Gefühl, zwei erklärende Sätze zu benötigen, um das Geschehen voll erfassen zu können. Zu oft wird man blind in das Geschehen reingeworfen, ohne wirklich eine Erklärung zu erhalten. So wird New York im Intro von Twisteds übernommen, schwupps ist mal eben einiges an Zeit vergangen, Aya Brea ist bei einem Sonderkommando, wird (warum auch immer) in einer Zelle festgehalten und erledigt die Drecksarbeit. In der Zwischenzeit ist aber ordentlich was passiert, was jedoch nur in Textform nacherzählt wird: Wer Details möchte, dem wird recht unsensibel eine Database vorgesetzt, in dem man dann nachlesen kann und sollte, wenn man alles verstehen möchte. Motto: friss oder stirb. Diese Erzählstruktur hat für einige Spieler auch schon bei Final Fantasy XIII nicht funktioniert und auch bei The 3rd Birthday offenbart sie ihre Schwächen. Wer am Ende wirklich alles verstanden hat, der.....ist gut im Folgen von konfusen Geschichten. Das klingt jetzt nach einer Katastrophe, aber man muss auch unterscheiden: Unterm Strich bekommt man eine einfallsreiche (und eben durch und durch japanische) Geschichte, die unter dem Erzählstil unnötig leidet. Zumal auch gesagt werden muss, dass die Geschichte bei einem Actionspiel zweitrangiger als bei einem Rollenspiel ist, weswegen man hier eher geneigt ist, ein Auge zuzudrücken.

Das müssen auch Fans erster Stunde, die damals 1998 die Ur-Geschichte verfolgt haben und schon beim Nachfolger Parasite Eve 2 geschimpft haben: Obwohl in 3rd Birthday auch einige altbekannte Gesichter wieder auftauchen, tendiert der Bezug zu den Vorgängern gegen null. Mitochondrien werden nicht einmal erwähnt, Aya ist plötzlich ein „Rookie” und auch ansonsten gibt es viele kleinere Details, die nicht wirklich mit dem Vorgängern zusammenpassen wollen. Der Bruch zu den Vorgängern lässt sich ziemlich gut mit Resident Evil 4 vergleichen, mit dem ebenfalls eine relativ radikale Umgestaltung der bisherigen Serie vollzogen wurde. Das dürfte aber Neueinsteiger weniger interessieren, denn die wissen von den Geschehnissen aus den Vorgängern logischerweise nichts.

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Gameplay

Während die Story durch einige Mängel eher durchschnittlich ist, haben sich die Herren bei HexaDrive ordentlich ausgetobt und einige Shooter-untypische Ideen in das Spiel eingebaut. Die Overdive-Fähigkeit spielt nicht nur in der Story, sondern auch im Gameplay eine große Rolle und entscheidet in den spannenden Gefechten oft über Sieg oder Niederlage. Grundsätzlich kämpft ihr selten alleine und seid mit mehreren Soldaten unterwegs, zwischen deren Körpern ihr euch beliebig hin – und herteleportieren könnt. Wann ihr das macht und ob überhaupt, das ist dann eure Sache. Wollt ihr eure Einheiten strategisch günstig platzieren, wollt ihr einfach schnell den Körper wechseln, weil eure Energie zur Neige geht oder hat ein Soldat eine ganz besondere Waffe? Diese und weitere Entscheidungen gilt es während der Kämpfe zu treffen. Wer die Fähigkeit nicht ausnutzt und schnell verinnerlicht, hat später keine Chance mehr, denn bereits auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ist das Spiel stellenweise ziemlich bissig und spätestens auf „schwer” offenbart das Spiel seinen wahren Zweck. Hier und auch anhand der Rankings nach jeder Mission wird deutlich, dass es nicht nur darum geht, überhaupt zu überleben, sondern im Team zu überleben.

Wer am Ende einer Episode ein gutes Ranking haben will, der muss alles im Blick haben: eigene Energie, Feinde, Energie der anderen Soldaten und deren Position. Langweilig wird es jedenfalls nicht, denn auch das Spieltempo ist sehr schnell und eure Reflexe sind immer gefordert. Erfreulicherweise geht die Steuerung nach der Eingewöhnung sehr gut von der Hand, was durch die Hardware-Limitationen eigentlich ziemlich erstaunlich ist. Einzig die Kamera bereitet in einigen brenzligen Situationen hin und wieder Probleme, dennoch wirkt das Spiel wie aus einem Guss und liefert dynamische Schusswechsel. Es geht allerdings nicht nur um das reine Ballern, sondern auch darum, schnell sinnvolle und strategischeEntscheidungen zu treffen, die euch einen Vorteil verschaffen. Zur Planung gehört auch, wann ihr die Liberations-Anzeige wieder leert. Je mehr ihr die Gegner angreift, desto mehr füllt sich besagte Anzeige. Ist sie gefüllt, erhält Aya per Knopfdruck für eine begrenzte Zeit übermenschliche Fähigkeiten, ist unbesiegbar und teilt mit Energiegeschossen einiges aus. Liberation ist quasi eine Absicherung für den Spieler für besonders brenzlige Situationen, in denen wirklich gar nichts mehr geht. Auch die Kooperation mit den Soldaten rettet einem oft den Allerwertesten, denn mittels der Kreuzfeuer-Option könnt ihr die Gegner gemeinsam auf’s Korn nehmen. Habt ihr den Gegnern konstant genug Schaden zugefügt, könnt ihr auch in sie diven, um sie zum Implodieren zu bringen. Neben einem netten Schadensbonus ist dies auch eine gute Möglichkeit, um an DNA-Chips zu gelangen.

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Abseits von Overdrive gibt es aber noch einige andere Features. Wer an die Vorgänger denkt, der erwartet auch im neuesten Spross ein paarRollenspielelemente und wird nicht enttäuscht. Neben den üblichen Level-Ups zur Stärkung von Aya gibt es auch die Möglichkeit, Waffen aufzuleveln und sie durch Bauteile zu verbessern. Das geht aber meist mit Kompromissen einher, so geht beispielsweise eine gesteigerte Angriffkraft zu Lasten des Handlings – Prioritäten müssen also gesetzt werden. Ansonsten sind die Rollenspielelemente überschaubar und nicht sonderlich komplex, geben dem Spiel aber auch einen gewissen Mehrwert. Ein weiteres Feature ist das Modifizieren von Ayas DNA über ein 3x3 Feld mit den eben erwähnten DNA-Chips. Dabei sind dann allerlei Fähigkeiten möglich, die euch im Kampf hilfreich sein können: Von der beschleunigten Heilung Ayas (was übrigens nur im Stehen möglich ist) über eine Heilung der Kameraden bis hin zur kurzzeitigen Stärkung der Verteidigung ist hier einiges möglich. Es gehört aber schon einiges an Forscherdrang dazu, gute Ergebnisse zu erzielen, da die Resultate teilweise vom Zufall abhängig sind und auch davon bedingt werden, wie ihr welche Chips platziert.

Da das Spiel in New York spielt, bekommt ihr abseits des Stadtsettings nicht viel Abwechslung geboten. Häuserschluchten, U-Bahn Schächte und zerstörte Gebäude begleiten euch über weite Teile durch das Spiel. Dass sich das nicht auf das Spielgeschehen als solches überträgt ist löblich und tatsächlich haben es die Entwickler sehr gut geschafft, euch in allerlei abwechslungsreiche Situationen zu bringen. So variiert der Kampfschauplatz auch mal von weitläufigen Flächen mit vielen Deckungsmöglichkeiten bis hin zu einem fahrenden Zug, bei dem eure Ausweichkünste gefragt sind. Auch ist es möglich, verschiedene Fahrzeuge zu übernehmen und mit einem gut bestückten Panzer die Fetzen fliegen zu lassen. Während des Spiels bin ich auch mal in eine Situation gekommen, in der mir zwei riesige Monster vorgesetzt wurden. Gut, die hatte ich dann gerade so besiegt, meine Energieleiste am Ende und kaum noch Granaten. Was macht das Spiel? Lässt die gleichen Monster wieder direkt vor meiner Nase erscheinen. ARGH! Doch auch das habe ich irgendwie bewältigt. 3rd Birthday liefert euch einige extrem spannende Momente, in denen das Vorgehen wohl überlegt sein muss und nur Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Hier hört die Abwechslung aber nicht auf, sondern auch bei den Gegnern haben sich die Verantwortlichen einiges einfallen lassen: Neben Schwachpunkten haben die Feinde unterschiedliche Angriffsmuster, die sich der Spieler am besten einprägt, um Chancen zu haben. Wäre übrigens auch bei den sehr fordernden und gut designten Bossen ratsam, die alle eine bestimmte Taktik erfordern, die zum Sieg führt. Wer die nicht erkennt, verliert.

Insgesamt ist das Spiel mit maximal 10 Stunden Spielzeit reichlich kurz geraten, doch die Entwickler haben einiges eingebaut, was zu mehreren Durchgängen motiviert. Neben immer schwereren Schwierigkeitsgraden verfügt das Spiel über ein von den „großen” Konsolen bekanntes Achievement-System, das angesprochene Ranking-System und mehrere Kostüme zum Freischalten (darunter auch Lightning aus Final Fantasy XIII). Die Kostüme bieten übrigens unterschiedliche Verteidigungswerte und Schadensmodelle. Leider hat das Schadensausmaß der Kleidung, bis auf einen Blick auf Ayas blanken Hintern, keinen spielerischen Mehrwert. Wer dann noch Zeit hat, alle Waffenlevel zu steigern, die Spezialwaffen zu ergattern und auch diese noch zu meistern, der hat einiges vor sich. Jedenfalls steckt in diesem Spiel so einiges an Inhalt, um euch noch über die ersten zehn Stunden hinaus zu unterhalten und zu motivieren.

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Grafik & Musik

Präsentiert wird das alles in einer Grafik, die für die doch recht betagte PSP ausgesprochen hübsch aussieht und zudem bei einer konstanten Framerate über den Bildschirm läuft. In der Königsdisziplin von Square Enix hat man sich logischerweise wieder ins Zeug gelegt und einmal mehr wunderschöne Rendersequenzen kreiert (und ja, es gibt eine Duschszene). Größtenteils wird das Geschehen aber in der spieleigenen Engine vorangetrieben, was immer noch ansehnlich genug ist. Überhaupt ist das gesamte Artdesign sehr gelungen, die Monster organisch, unförmig und widerlich, während auch das Setting sehr glaubwürdig rüberkommt – alles natürlich mit einer Prise Japano-Style, der sich besonders bei den Charakteren bemerkbar macht. Man ist sich übrigens nicht zu schade gewesen, die ein oder andere Gewaltszene zu integrieren. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene ganz am Anfang, in der das gesamte Publikum einer Disco (für ein japanisches Spiel) ungewöhnlich blutig abgeschlachtet und gemehrteilt wurde. Zusammen mit den bizarren Monstern, die nur entfernt an menschliche Wesen erinnern, wirkt das Spiel stellenweise sehr grotesk.

Der Sound schließt sich der tadellosen Grafik an und ist ein weiteres Highlight. Mal läuft man begleitet von ruhigen Pianostücken durch das verschneite Manhatten, mal kämpft man zu treibenden elektronischen Beats gegen die ausgeburten des Babels – der Soundtrack präsentiert sich immer der Situation angemessen. Fans der Serie freuen sich übrigens über Remixes bekannter Themen, so zum Beispiel das Kampfthema aus Teil 1 oder das allseits bekannte Hauptthema von Parasite Eve, das einmal mehr für das Intro benutzt wurde.

Während bei der Grafik und dem Sound soweit alles richtig gemacht wurde, mussten bei der Lokalisierung leider Abstriche gemacht werden. Die Synchronstimmen sind durchweg gelungen und professionell (Supernatural-Fans erleben vermutlich ein Déjà-Vu), leiden aber unter dem wirklich nicht berauschenden Script, das Square Enix wohl aus den tiefen amerikanischer Soaps geklaut hat. Zudem ist es verwunderlich, das ein solch wichtiger Titel nicht lokalisiert auf den deutschen Markt erscheint. Zwar ist das in anbetracht der derzeitigen Situation der PSP-Spiele durchaus verständlich, ein fader Beigeschmack bleibt aber dennoch.

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Trailer

 

Fazit

Die alles entscheidende Frage ist nun, ob sich das Warten der Fans gelohnt hat. Die Antwort? Nein. Jedenfalls nicht für die Fans, die einen Nachfolger im Stil der Vorgänger erwarten. Im Gameplay sollte man gar nicht erst Überbleibsel der Vorgänger suchen, denn die existieren schlicht nicht und der größte Bezug zu den Vorgängern ist wohl oder übel der Soundtrack. So an das Spiel heranzugehen ist zugegebenermaßen auch nicht fair und man muss bedenken, dass es schwer ist, eine elf Jahre alte Serie wieder aufzugreifen und nach der gefühlten Ewigkeit angemessen fortzuführen. Nicht umsonst findet man die Worte „Parasite Eve” nicht im Titel, was man sich bei diesem Spiel auch immer wieder vorhalten muss, um nicht enttäuscht zu werden.

Wer das Review komplett gelesen hat, dem ist sicherlich die Kluft in der Qualität zwischen der Story und dem Gameplay aufgefallen und ich habe anfangs nicht zu Unrecht darauf hingewiesen, dass der Schwerpunkt bei dem Spiel auf dem Gameplay liegen sollte. All der Wendungen und den vielen interessanten Ideen zum Trotz ist die Geschichte sehr konfus, lückenhaft erzählt und mit einem unbefriedigendem Script „garniert”. Hier hätte definitiv mehr herausgeholt werden können. Anstatt den Inhalt also auf die Datenbank zu verlagern, hätte man einfach die Zwischensequenzen mit mehr Informationen füllen sollen. Das Gameplay hingegen ist ein absolutes Brett, fordernd und spannend bis zu letzt und mit vielen neuartigen Ideen bestückt. Die Entscheidung, das Gameplay von dem noch recht neuen Team HexaDrive entwickeln zu lassen, kann also nur beglückwünscht werden. Unterm Strich ist The 3rd Birthday eine sehr spaßige Angelegenheit und sowohl für einen 3rd-Person Shooter als auch als Abschiedsgeschenk für die sterbende PSP ein sehr schönes Spiel. Man darf gespannt sein, was Square Enix noch in Zukunft mit der Serie vorhat. Wenn sie es dann noch schaffen, die Geschichte angemessen zu erzählen, dann darf man sich auf Großes einstellen.