Terranigma

Cover von Terranigma

Review

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Unser Planet besitzt zwei Seelen.
Ein äußeres und ein inneres Antlitz.
Eine Licht- und eine Schattenseite.
Millionen Jahre nach der Geburt des Planeten wurden Wachstum und Zerfall zu zwei Seelen.
Auf der Lichtseite entstand neues Leben.
Die Schattenseite erstarrte im ewigen Eis.
Die Lichtseite erschuf neues Leben.
Alles entwickelte sich prächtig.
Angst und Haß beherrschten die Schattenseite.
So entstanden Gut und Böse.

 

Das Spiel

Der dritte, letzte und beste Teil der Soul Blazer-Reihe. In fast allen Punkten gelingt es dem Spiel, die Fehler, die seinen Vorgängern anhafteten, auszumerzen und somit zu einem der besten SNES-Spiele zu werden, das auch heute noch eine große Anzahl Fans hat.

Eine weitere Besonderheit an Terranigma ist, dass das Spiel als eines von wenigen zwar in Europa, nicht jedoch in den USA erschienen ist.

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Die Story

Endlich ein Soul Blazer-Teil, dessen Story man nicht bereits wenige Minuten nach Spielbeginn komplett kennt!

Vor langer Zeit gab es einen Krieg zwischen Gut und Böse auf der Erde, aus der keine der beiden Mächte als Sieger hervorging. Die Kontinente der Lichtseite versanken im Meer, und die Schattenseite wurde im Kristallnebel versiegelt.

Nun gibt es nur noch einen einzigen Ort, an dem Leben existiert: Das Dorf Krysta in der Unterwelt. Hier lebt auch die Hauptfigur des Spiels, Ark. Obwohl er gerne Streiche spielt, mit denen er die anderen Bewohner des Dorfes manchmal ziemlich aufregt, führt er ein relativ unbeschwertes Leben unter der Obhut des Weisen und hat auch eine Freundin, die Weberin Melina.
Doch eines Tages lässt er sich von seinen Freunden dazu überreden, eine verbotene Tür zu öffnen, und damit endet sein friedliches Leben. Denn im Keller hinter der Tür findet er eine Truhe. Als er der Aufforderung, sie zu berühren, nachkommt, löst er damit unwissentlich ein Siegel, durch das eine Kreatur in der Truhe gefangen gehalten wurde: Fluffy, ein niedliches rosanes Etwas... Im Grunde ist daran nichts schlimmes, denn das Wesen stellt sich schnell als freundlich heraus, doch das Brechen des Siegels hat noch einen anderen Effekt: Alle Bewohner von Krysta mit Ausnahme von Ark und dem Weisen sind zu Eis erstarrt.
Von Fluffy erfährt Ark, wie er den Fluch brechen kann: Er muss die fünf Türme aufsuchen und die Monster in ihnen besiegen. Dadurch würden die erstarrten Dorfbewohner gerettet. Doch der Besuch der Türme hat noch eine andere Wirkung: Für jeden besuchten Turm kehrt in der Oberwelt ein Erdteil an die Oberfläche zurück.
Nachdem Ark auf diese Weise sein Dort gerettet und die Oberwelt wiedererschaffen hat, weiht ihn der Weise in seine wahre Aufgabe ein: Bisher hat er nur das Land zurückgebracht, doch nun soll er sich an die Oberfläche begeben und dort auch die Lebewesen wiederbeleben.
Schweren Herzens nimmt Ark von seiner Heimat und Melina Abschied und springt in den Spalt, der ihn in die Oberwelt bringen soll.

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Die ganze Handlung dieses Spiels nachzuerzählen würde für ein Review entschieden zu lange dauern, daher in Kurzform: Ark kommt zunächst in einer wüsten und toten Welt an, doch schließlich schafft er es, die Lebewesen zurückzubringen. Im weiteren Verlauf seiner Reise unterstützt Ark die Menschheit in ihrer Entwicklung, lernt neue Freunde und Feinde kennen und erfährt schließlich den wahren Grund seiner Existenz, bevor er sich in den finalen Kampf um das Schicksal des Planeten begibt.

Ähnlich wie in Illusion of Time stehen den Helden auch hier wieder einige Freunde zur Seite, doch im Gegensatz zu diesem, stellen diese hier keine Jugendfreunde dar, die dem Helden einfach hinterherlaufen, sondern jeder ist eine eigene Persönlichkeit, mit eigener Geschichte, wie etwa die Schwertkämpferin Lady Fyda, die Illusionistin Mei-Lin oder der Skateboarder Perry, die dem Helden in verschiedenen Situationen immer wieder weiterhelfen. Ein ganz besonderes Geheimnis umgibt hierbei die Prinzessin Melina, die nicht nur denselben Namen wie Arks Jugendfreundin trägt, sondern ihr auch äußerlich gleicht wie ein Zwilling. Was es mit ihr auf sich hat, erfährt man erst im Verlauf des Spiels. Abgesehen von den Menschen zählen auch Tiere wie etwa der Löwenprinz Liam zu Arks Freundeskreis, da dieser anfangs die Fähigkeit besitzt, mit Pflanzen und Tieren zu reden, diese später jedoch verliert.

Während Soul Blazer (SB) praktisch überhaupt keine und Illusion of Time (IoT) nur eine gut erzählte Minimalstory bot, haben die Entwickler zwischenzeitlich ihre Hausaufgaben gemacht, und für den dritten Teil der Reihe eine Story kreiert, die sich keineswegs vor der anderer RPGs zu verstecken braucht.
Im Gegensatz zu Illusion of Time, welches den Spieler auf einer eigenen Weltkarte bekannte historische Orte unserer Welt besuchen lies, orientiert sich die Weltkarte Terranigmas an unserer realen Welt, jedoch werden keine besonderen historischen Orte dargestellt, obwohl viele Gebiete, wie etwa die afrikanischen Steppen oder das Himalayagebirge wohl ihren Gegenstücken in der Wirklichkeit nachempfunden sind.
Desweiteren ist es im Verlauf der Geschichte möglich, auf einige bekannte Persönlichkeiten der Weltgeschichte (wie etwa Kolumbus) zu treffen, doch leider sind viele der Namen im Zuge der Übersetzung geändert worden, sodass einige nur noch schwer und andere überhaupt nicht mehr zu erkennen sind.

Insgesamt ist die Story des Spiels ziemlich religiös und philosophisch geprägt. Erinnert der Anfang mit der Schöpfung der Welt und Erweckung der Lebewesen noch stark an die biblische Schöpfungsgeschichte, so tauchen später auch Themen wie der Kreislauf von Tod und Wiedergeburt oder die Frage nach dem Sinn der Unsterblichkeit auf.

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Gameplay

Obwohl sicher niemand auf die Idee käme, zu behaupten, Terranigma würde einen Rückschritt in der Entwicklung darstellen, fällt dennoch auf, dass es mehr Gemeinsamkeiten mit SB als mit dem direkten Vorgänger IoT hat. Viele der neuen Elemente, die IoT eingeführt hat, wie etwa den Charakterwechsel oder das besondere Levelsystem, wurden bei Terranigma wieder gestrichen, und das gesamte Spiel etwas „traditioneller” aufgezogen.

Natürlich ist wieder ein Echtzeit-Kampfsystem mit von der Partie, und dieses überbietet das der beiden Vorgänger noch um ein ganzes Stück. Zwar gibt es im Gegensatz zu IoT keine besonderen Spezialattacken mehr, doch dafür wurden die Standardattacken umso interessanter gestaltet. Insgesamt hat man die Auswahl aus 5 verschiedenen Attacken und einem Block, die mit etwas Übung alle recht einfach auszuführen sind und es einem erlauben, entsprechend der aktuellen Situation zu kämpfen. So gibt es zum Beispiel eine Attacke mit dem Namen „Amoklauf”, die zwar nur geringen Schaden anrichtet, dafür aber alles, was dem Helden zu nahe kommt, gleichermaßen trifft oder eine Stichattacke („Blitzstich”), die besonders gut geeignet ist, um schnelle Gegner zu erwischen. Jede der Attacken hat ihre Existenzberechtigung, obwohl man die Attacken, die aus dem Lauf heraus gestartet werden, normalerweise öfter benutzt als die stationären.
Auch Magie kommt wieder vor, doch fristet diese ein ähnliches Schattendasein, wie bereits in SB: Es gibt praktisch keine Gelegenheit, wo man sie sinnvoll einsetzten kann, obwohl es insgesamt 10 verschiedene Angriffszauber gibt. Etwas besser kommen zwar die defensiven Zauber weg, da man vollständige Heilung oder Flucht aus einem Labyrinth gelegentlich doch gebrauchen kann, aber insgesamt stellt sich die Magie doch relativ nutzlos dar.
Zur Bezahlung der Zauber braucht man neben Geld auch den neuesten Auswuchs der Sammelquests der Reihe: Blaue Kristalle. Im Gegensatz zu den Runen in SB und den roten Juwelen in IoT braucht man allerdings nicht alle in der Welt verstreuten Exemplare zu finden, um in den Genuss der Vorteile zu kommen. Erstens kommen die Kristalle ziemlich häufig vor (im gesamten Spiel gibt es etwa 100 Stück), zweitens braucht man sie ausschließlich zum Bezahlen der Zauber (die einfachen Zauber verbrauchen gerade mal einen einzigen, der teuerste 6) und drittens erhält man die Kristalle sogar zurück, wenn man den entsprechenden Zauber eingesetzt hat, sodass ein einigermaßen aufmerksamer Spieler eigentlich nicht speziell nach ihnen suchen muss.
Nach ihrem kompletten Fehlen in IoT feiert auch die Ausrüstung ihr Comeback. Es gibt wieder Waffen und Rüstungen, wovon einige auch besondere Fähigkeiten bieten, wie etwa Elementarangriffe bei den Waffen oder Statusschutz bei den Rüstungen. Auch das Gegenstands-Inventar ist endlich angewachsen. So gibt es nun Heliknollen in verschiedenen Stärken und eine (fast schon zu) hohe Anzahl an Gegenständen, um Statusveränderungen zu kurieren, neben anderen Gegenständen, die man in bestimmten Spielsituationen braucht.

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Angenehmerweise ist das Spiel wesentlich weniger linear als seine Vorgänger. Man kann sich relativ frei auf der Weltkarte bewegen (erst nur zu Fuß, später auch mit Schiff und Flugzeug) und ist somit nicht mehr gezwungen, strikt der Haupthandlung zu folgen. Dafür gibt es immer wieder nette Minispiele, wie etwa ein Wettessen oder das Wetten bei Hühnerrennen.
Natürlich sind auch einige Nebenquests vorhanden, von denen die meisten dem Spieler zusätzliche blaue Kristalle einbringen. Ein besonderes Highlight ist hier auf jeden Fall die Entwicklung der Städte: Mittels bestimmter Aktionen (z.B. dem Beraten eines Kochs bei seinem neuen Rezept) kann man einigen Städten helfen, sich von eher kleinen Dörfern zu großen Metropolen zu entwickeln. Interessanterweise zeigen sich jedoch nicht alle Personen von dem Fortschritt begeistert. So erzählen einige, dass sie das ruhige Leben in einer Kleinstadt bevorzugt hätten, oder andere haben sogar Zweifel an ihren eigenen Leistungen. Auswirkungen auf die Hauptstory hat das zwar nicht, aber es zeigt immerhin, dass die Entwickler sich wirklich Mühe gegeben haben, eine einigermaßen realistische Welt zu erschaffen.

Auch technisch hat Terranigma einige Stärken vorzuweisen. So merkt man der Grafik deutlich an, dass das Spiel gegen Ende des SNES-Zeitalters entstanden ist, was dazu führt, dass das Spiel insgesamt sehenswert ist, und insbesondere in den Zwischensequenzen zu beeindrucken weiß.

Ähnlich verhält es sich mit dem Sound, der einige wunderschöne Stücke, wie etwa das Titellied oder Roys Thema enthält, die man sich durchaus öfters anhören kann.
Als kleiner Wermutstropfen ist auch hier wieder, wie schon bei den Vorgängern, anzumerken, dass die Spielzeit äußerst kurz geraten ist. Obwohl Terranigma den längsten Teil der Reihe darstellt, hinkt es anderen RPGs doch ziemlich hinterher, was hier noch bedauerlicher ist, als bei den Vorgängern. Nicht zuletzt trägt daran auch der insgesamt zu niedrig geratene Schwierigkeitsgrad die Verantwortung. Man wird als Spieler selten wirklich gefordert, und besonders schwere Spezialdungeons sucht man leider auch vergeblich.

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Fazit

TERRANIGMA SPIELEN! SOFORT!
Wie wohl bereits durchgeschienen sein dürfte, liebe ich dieses Spiel. Story, Kampfsystem, Atmosphäre, das alles fügt sich zu einem wunderbaren Spiel zusammen, das für mich noch heute als eines der besten RPGs überhaupt gilt. Natürlich hat das Spiel auch seine Schwächen, wie der zu niedrige Schwierigkeitsgrad, oder die relative Nutzlosigkeit der Zauber, doch diese verblassen einfach im Vergleich zu den Stärken des Spiels. Wer dieses Spiel noch nicht gespielt hat, sollte das schleunigst nachholen. Wer die Vorgänger schon mochte, wird dieses Spiel lieben, und wer sie nicht kennt, kann trotzdem nichts falsch machen, wenn er einen Blick auf Terranigma wirft. Dieses Juwel ist eine klare Empfehlung für jeden Liebhaber von älteren Rollenspielen.