Tales of the Abyss

Cover von Tales of the Abyss

Review

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Das Spiel

Ein knappes Jahr sollte es dauern, bis Tales of the Abyss am 10. Oktober 2006 in den Westen kam – für die USA, versteht sich. Entwickelt wurde das Spiel von Namco Bandai, respektive von dem Tales-of Studio. Selbiges ist noch einmal in Team-Destiny und Team-Symphonia unterteilt, wobei letzteres für Tales of the Abyss zuständig war. Dies merkt man sowohl durch Musik, Charakterdesign und Kampfsystem, welche dem Vorgänger „Tales of Symphonia” sehr ähnlich sind. Begleitend zum Spiel ist ein Anime erschienen, ein bisher nur für Japan angekündigter Port für Nintendos 3DS soll 2011 erscheinen.

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Die Story

Die Geschichte des Spiels beinhaltet einen jahrtausende alten Mythos, auf dessen Grundlage die Menschen in der Welt Auldrant leben: Der „Score”, der die Zukunft voraussagt. Geschrieben auf Gestein, bekriegen sich seit Ewigkeiten die beiden Mächte Malkuth und Kimlasca, um die Natur des Scores und die eigene Zukunft zu erfahren. In diesem Tumult lebt der Adelige Luke Fon Fabre im Königreich Kimlasca, der vor einigen Jahren gekidnapped wurde und seine Erinnerung daran völlig verloren hat. Gelangweilt lebt er ein Leben hinter Mauern, denn seit seiner Rückkehr wird er wie ein rohes Ei behandelt.

Seine Situation ändert sich jedoch drastisch. Während des Trainings mit seinem Meister Van wird dieser von einer unbekannten Person angegriffen. Bei dem Versuch, seinen Meister zu schützen, werden Luke und die Angreiferin in ein blendendes Licht gehüllt und landen wenig später auf einem Feld, weit entfernt von dem Anwesen. Gemeinsam macht sich der weltfremde und arrogante Luke auf, mit der unbekannten Frau einen Weg zurück zum Anwesen zu finden, nur um festzustellen, dass sie sich im feindlichen Reich Malkuth befinden.

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Der Anfang klingt vielversprechend und das ist er auch: Es werden Fragen aufgeworfen, etwa wer Luke wirklich ist, warum seine Erinnerung fehlt, warum ein feindlicher General fast genauso aussieht wie er und was es mit seinem Meister auf sich hat. Die Storywriter haben es verstanden, durch viele vage Andeutungen das Interesse des Spielers zu wecken. Und ich muss sagen, dass ich schon lange kein Rollenspiel mehr nur deswegen gespielt habe, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Die Charaktere tun ihr übriges. Die Angreiferin entpuppt sich schnell als Vans Schwester Tear, die so ziemlich das Gegenteil von Luke ist. Es ist spannend zu sehen, wie Tear dem unwissendem Luke erklären muss, dass man die Äpfel von Händlern bezahlen muss, anstatt sie einfach aufzuessen und wie sie sich um banale Dinge streiten, weil sie mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen aufgewachsen sind. Daneben gibt es noch den Kommandant Jade, der durch seine sarkastische und leicht arrogante Art den anderen Charakteren regelmäßig die Show stiehlt. Die restlichen Charaktere sind da schon deutlich schwächer und strapazieren die Nerven des Spielers an einigen Stelle gewaltig. Während man Lukes besten Freund und Diener Guy noch Persönlichkeit zusprechen kann (auch wenn seine Frauenphobie nicht wirklich lustig ist), ist beispielsweise Natalia als Thronfolgerin Kimlascas etwas blass geraten und leidet unter einer irreführenden Charakterzeichnung. Einerseits wird sie als gütige und selbstlose Prinzessin gezeigt, andererseits suggerieren sowohl Synchronstimme als auch einige Zickenattacken eher das Bild eines unberechenbaren Biests, was einfach nicht zusammenpassen will. Der Gipfel und leider absolute Ausfall ist Anise Tatlin, eine furchtbare Göre und gemäß dem RPG-Genre auch direkt aus der Hölle, was den Nervfaktor angeht. In dem Punkt „Kindercharaktere” waren Japaner aber noch nie allzu erfolgreich. Wirklich überraschen sollte es von daher niemanden.

In der Summe muss man als geplagter Rollenspielfan jedoch sagen, dass der Cast von Tales of the Abyss schon deutlich über dem Genreschnitt liegt. Jeder von ihnen bringt seinen eigenen Hintergrund mit und trägt sein eigenes kleines Geheimnis mit sich, das im Laufe der Geschichte natürlich aufgedeckt wird. Es ist schön zu sehen, dass die Charaktere eine ausgearbeitete Persönlichkeit haben, die auch in den Gesprächen oft heraustritt und letztendlich dafür sorgt, dass sie nicht eindimensional bleiben und dem Spieler mit der Zeit ans Herz wachsen. Die Gruppendynamik ist den Entwicklern sehr gut gelungen, die Diskussionen der Protagonisten bisweilen lebhaft und lustig zu lesen. Dieser Punkt ist aber auch nötig, um über einige Unzulänglichkeiten in der Story hinwegzutrösten.
Man kann die Geschichte gut in die drei Schubladen Hauptteil-Mittelteil-Schluss unterteilen. Der Hauptteil ist wie erwähnt gut gelungen: Es werden Fragen aufgeworfen, Andeutungen gemacht und Auflösungen gegeben, die wieder Fragen aufwerfen. Das krasse Gegenteil hiervon ist der Mittelteil, der jeglichen Spannungsaufbau der Einleitung zunichte macht und sich wie Kaugummi zieht, weil einfach für einen langen Zeitraum nichts Relevantes passiert. Wäre die Charakterinteraktion nicht so gelungen, wäre man geneigt, das Handtuch zu werfen. Fast wirkt es, als würden die Entwickler nur Zeit schinden wollen, um die Spielzeit künstlich zu strecken. Dabei merken sie nur leider nicht, dass sie der an sich nicht schlechten Geschichte keinen Gefallen tun. „Gehe zu Stadt A, dann zu B, um kurz über C nach A zurückgeschickt zu werden” – dies ist für gute 10 – 15 Stunden das Einzige, was ihr erledigt. Dazwischen ist ca. ein Dungeon eingestreut, mehr war scheinbar nicht drin. Doch wer sich durch den Mittelteil durchboxt, wird mit einem Schluss belohnt, der mehr an den Anfang anknüpfen kann. Das Spiel nimmt hier eine recht nette, wenn auch nicht unbedingt innovative Wendung und hält mit neu gemischten Karten wieder bei der Stange.

Zur Qualität der Geschichte ist abschließend zu sagen, dass es eine gute, wenn auch nicht überragende Geschichte ist. Sie bietet einige Überraschungen, die man aber auch kommen sehen kann und wandelt auf konventionellen Pfaden. Es wird wenig geboten, was nicht auch schon in anderen Rollenspielen in irgendeiner Weise vorgekommen ist, nur dass es bei Tales of the Abyss etwas besser durchgemischt ist. Dazu muss aber gesagt werden, dass die Charaktere und die Spielwelt mit ihrer eigenen Geschichte und eigenen Naturgesetzen wirklich gut ausgearbeitet sind und den Spieler direkt in die Welt eingesogen wird. Wäre der sehr träge und lahme Mittelteil nicht gewesen, dann hätte man aus der Geschichte mehr rausholen können.

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Gameplay

Wer Action-Kampfsysteme in Rollenspielen nicht mag, den wird auch Tales of the Abyss nicht bekehren können, so viel sei schon verraten. Schade eigentlich,denn hinter der Button-Smash Fassade verbirgt sich ein eigentlich recht ausgeklügeltes System mit einigen Möglichkeiten, wenn man sie denn nur nutzt.

Die Kämpfe verlaufen glücklicherweise nicht zufällig, sondern erst bei einem Zusammentreffen mit Gegnern, denen man bei Bedarf auch gut ausweichen kann (,was in japanischen Rollenspielen nicht selbstverständlich ist). Nun setzt ein recht cooles Battletheme ein und ihr steuert einen von vier Charakteren. Die Steuerung ist recht eingeschränkt und erlaubt euch zunächst nur, von links nach rechts zu laufen. Durch die Free-Run Funktion könnt ihr per Tastendruck aber auch frei über das Feld rennen, um euch durch eine Neupositionierung Vorteile zu verschaffen. In einem Kampf lauft ihr auf den Gegner zu, führt drei bis vier normale Angriffe aus, setzt an deren Ende noch eine „Base Arte” und an diese Base Arte noch eine „Arcane Arte”.

Tales-of Unkundige verstehen jetzt bestimmt recht wenig: Artes sind Spezialangriffe, die sich im Kampfverlauf erlernen lassen, jedoch verbrauchen diese Angriffe TP (Technichal Points), von denen ihr nicht unbegrenzt zur Verfügung habt. Und das war es auch eigentlich schon. Nun wäre dieses System ja reichlich langweilig, wenn es nicht noch den einen oder anderen Kniff gäbe. Zunächst ist es den Entwicklern gut gelungen, die Charaktere vom spielerischen Aspekt sehr unterschiedlich zu gestalten. Mal ist ein Charakter wendiger, mal ist ein Charakter stärker, ein anderer Charakter vereint physische und magische Angriffe – für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt, kein Charakter spielt sich wie der andere. Des weiteren verfügt jeder Charakter über eine „Overlimit”-Anzeige. Ist diese gefüllt, fliegen die Fetzen. Die Spielfigur wird für einen begrenzten Zeitraum stärker und lässt sich beim Angreifen nicht von gegnerischen Angriffen unterbrechen. Durch Angriffskombinationen sind im Overlimit auch Mystic Artes möglich, die besonders verheerend für eure Gegner sind und ihnen ordentlich einheizen.

Einheizen könnt ihr den Gegner auch durch die „Field of Fonons”, farbige Felder, die durch das Benutzen von Elementarangriffen und Magie entstehen. Befindet ihr euch in einem solchen Feld und greift den Feind mit einem passenden Elementarangriff an, wird euer Angriff verstärkt und zieht dem Feind entsprechend mehr Lebensenergie ab. Es liegt letztendlich an euch, wie ihr diese taktischen Möglichkeiten nutzt. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad werdet ihr in der Regel auch mit simplen Knöpfehämmern belohnt. Die Spieler, die aber mehr aus dem Kampfsystem rausholen wollen, stellen auf „Schwer” und haben deutlich mehr Spaß. Hier nämlich zahlt es sich aus, sich mit den Artes und Attributen des Charakters näher zu beschäftigen.

Die Charakterentwicklung ist in Tales of the Abyss recht gelungen und lässt einem viele Möglichkeiten offen. Über „Capacity Cores” ist es möglich, den Wachstum der Attribute eines Charakters zu beeinflussen. Wenn ihr den Hauptcharakter Luke mehr Stärke und Vitalität verschaffen wollt, legt ihr ihm einfach einen entsprechenden Core an und profitiert im Kampf von den entsprechenden Statusverbesserungen. Dem nicht genug, durch bestimmte Cores bringt ihr eurem Charakter weitere Artes bei. Im Endeffekt lohnt es sich, die Cores durch die Charaktere durchzutauschen. Einerseits erlernen sie neue Artes, aber andererseits muss man sich mit einigen Statuseinbußen begnügen. Es bleibt also eure Wahl, hier zu experimentieren und die richtige Balance zu finden.

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Artes lassen sich ebenfalls nach euren Wünschen anpassen. Über einen niedrigeren TP-Verbrauch bis zu mehr Schaden lässt sich hier so einiges einstellen und auf eure persönlichen Vorlieben abstimmen. Das alles mag in der Summe komplex klingen, ist in der Praxis aber sehr intuitiv und logisch aufgebaut. Es lohnt sich oft, in der Theorie den Kampfverlauf durchzugehen und dann in der Praxis die erdachte Taktik anzuwenden. Die Spreu trennt sich hier vom Weizen: Nur, weil man auch über Button-Smashing durch das Spiel kommen kann, heißt es nicht automatisch, dass dies der Idealfall ist.

Das Kampfsystem ist an sich also gelungen, doch auch abseits hat das Spiel etwas zu bieten. In vielen Genrevertretern sind die Dungeons sehr monoton und frei von Einfällen. Man läuft durch ein paar monsterverseuchte Korridore und das war es dann meistens auch schon. Neben der angenehmen Länge der Dungeons folgt Tales of the Abyss aber nicht dieser typischen Rollenspielformel und präsentiert euch sogar einige abwechslungsreiche Rätsel, die von dem typischen Kistenverschieben bis hin zu Dungeons, in denen eure Party getrennt wird und ihr euch mir drei Parteien den Weg ebnet reichen. Klar sollte man hier nicht mit wirklich schweren Rätseln rechnen, denn immerhin ist das Spiel in erster Linie ein RPG, aber dennoch werden die Dungeons durch diese Designentscheidungen nie lästig. Abseits von Dungeons und Kämpfen gibt es eine Reihe unterschiedlicher Sidequests, welche die Spielzeit beträchtlich verlängern und rollenspieltypisch viele Dialoge, die zum Großteil vertont wurden.

Man muss dem Spiel auch anrechnen, dass der Spielverlauf nicht nur 08/15 ist. Man wird nicht nur von Stadt zur Höhle und dann wieder zur Stadt geschickt, sondern ihr erforscht auch mal eine mysteriöse Stadt, ein verlassenes Anwesen oder flieht von einem besetzten Landschiff. Zumindest phasenweise ist der Spielverlauf sehr abwechslungsreich und spannend gestaltet. Wie gesagt, der von mir kritisierte Mittelteil sollte hier wohlwollend ausgeklammert werden.

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Grafik & Musik

Bei der Präsentation merkt man deutlich, dass Namco eben nicht Square Enix ist und somit sind beispielsweise die Zwischensequenzen dramaturgisch durchschnittlich. Die Charaktere stehen sich hier oft nur steif gegenüber und reden, was ausreichend, aber eben auch nicht sonderlich spannungsfördernd ist. Wer vorher Final Fantasy X gespielt hat, sollte seine Ansprüche etwas zurückfahren.

Das bedeutet aber nicht, dass das Spiel euch mit seiner Präsentation zu Tode langweilt. Bei den Dialogen wurde sich Mühe gegeben, was man auch deutlich bei der Vertonung hört, die auf einem sehr professionellen Niveau ist. Kaum eine Figur ist fehlbesetzt. Es schmerzt daher umso mehr, dass Namco mit einem so gut lokalisierten Spiel einen Flop eingefahren hat. Dennoch muss man auch sagen, dass die Skits (kleine Gespräche, die zwischendurch auf Knopfdruck stattfinden) dringend eine Synchronisation gebraucht hätten. Man betrachtet nur die Charakterportraits der Charaktere und liest dazu automatisch ablaufenden (!) Text. Das ist schlicht faul, denn wenigstens der Text hätte angepasst werden können und somit büßen die Plaudereien viel von ihrem Charme ein.

Grafisch ist das Spiel sehr bunt und hat ein sehr schönes Design, sowohl auf Charaktere als auch auf die Spielwelt bezogen. Neben den typischen Dörfern gibt es auch sehr beeindruckende Bauwerke wie die Hauptstadt Baticul, die einem in den Himmel ragenden Turm gleicht. Einzig die Spielfiguren sind etwas detailarm und die Gesichtsausdrücke waren schon damals nicht mehr zeitgemäß. Auch nicht zeitgemäß sind die massiven Ruckler und Ladezeiten auf der Landkarte. Ladezeiten sind generell ein Problem, denn es wird so ziemlich alles nachgeladen – selbst Zwischensequenzen. Zwar dauert es nie wirklich lange, aber sie sind eben da. Die Landkarte wurde aber kolossal verhunzt, denn neben den erwähnten Slowdowns dauert es hier gefühlte 30 Sekunden, bis man nach einem Kampf wieder auf dem Spielfeld landet. Von dem Speichervorgang möchte ich gar nicht erst anfangen. Wer hier zwischendurch auf Toilette muss, möge dies bitte erledigen.

Der Soundtrack ist im Schnitt gelungen, wenn auch mit dem ein oder anderen sehr belanglosen Stück versehen. Grundsätzlich punktet die Musik mit sehr fetzigen Kampfthemen und einigen wirklich epischen Stücken, die teilweise mit Chorgesang versehen wurden, doch man muss sich auch im Klaren sein, dass Motoi Sakuraba wieder einen für ihn sehr typischen Soundtrack mit der ein oder anderen Perle abliefert. Wer seine Kompositionen mag, wird natürlich auch diesen Soundtrack lieben. Der Rest.....nicht.

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Trailer

 

Fazit

Was bleibt schon noch groß zu sagen: Mit Tales ist es wie in der Stamm-Dönerbude, denn man weiß genau, was auf dem Döner drauf sein wird. Und so hält auch dieser Ableger der Reihe wenige Überraschungen bereit.

Das Spiel macht jedoch einiges besser als die Vorgänger. Das Gameplay ist über jeden Zweifel erhaben, die Präsentation ist recht gelungen und die Story hinterlässt einen soliden Eindruck. Es bleibt nur das Gefühl, dass ohne die ärgerlichen Unzulänglichkeiten ein besseres Spiel entstanden wäre.Vertonte Skits, eine bessere technische Umsetzung (Ladezeiten!), eine aufregendere Präsentation und ein entschlackter Mittelteil und schon würde dieses Spiel ganz ganz oben mitspielen. Schade, denn die Fehler wären ohne große Umstände vermeidbar gewesen. Was bleibt, ist ein gutes Rollenspiel, das mit mindestens 40 Stunden bei Laune hält und das man sich – ob nun Fan oder Hater – wirklich mal anschauen sollte.