Nier

Cover von Nier

Review

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Spiel

Wir befinden uns in der Zukunft, in einer Welt, die der unseren zwar ähnelt, jedoch eher an eine Welt am Rande der Zerstörung erinnert. Dort versucht ein Vater seine kranke Tochter vor heranrückenden Schatten zu beschützen und bedient sich dabei der Hilfe eines mysteriösen Buches. Dies klingt - vielleicht mit Ausnahme des Buches - eigentlich nach eine durchschnittlichen Fantasygeschichte, „Nier” zeigt während des Spielverlaufs jedoch, dass es weit mehr kann, als Durchschnitt. 

Während mich 2010 einige Spiele eher enttäuscht haben (vor allem der lange erwartete SquareEnix-Titel Final Fantasy XIII) wagte ich mich an Cavias „Nier”, an deren „Drakengard” sich manche bestimmt noch erinnern, ein durchaus solides Spiel, das zwar nicht durch seine umwerfende Handlung zu gefallen wusste, aber unter anderem durch einen hohen Wiederspielwert, dank weiterer Enden und ein angenehmes Spielprinzip. Nier greift einiges davon auf, hat aber ansonsten nur wenig von Drakengard. Wo Drakengard noch enttäuschte, kann Nier nun punkten.

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Story

Was auch relativ knapp ausgefallen ist, ist die Handlung des Spieles. Wer einen richtigen Hauterzählungsstrang wie bei „Final Fantasy” erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Während eine interessante Geschichte zwar vorhanden ist, ist sie jedoch relativ schnell erzählt und die Spieldauer ohne Nebenmissionen eher kurz (vergleichbar mit „Oblivion”, wem das etwas sagt - grandioses Spiel, aber mit einer Hauptmission, die ungefähr 10% Gesamtspieldauer ausmacht).

Stattdessen erzählt Nier seine Geschichte über die Charaktere, denen man begegnet: Der Hauptcharakter, der ziemlich nach einem „Mann fürs Grobe” aussieht, ist ein liebevoller Vater, der alles für seine Tochter tun würde, Kaine, einer von zwei Begleitern, eine Frau mit großem Mundwerk und Hang zum Fluchen, während das zweite Teammitglied, Emil, eher an einen klassischen Charakter aus einem Ost-RPG erinnert, jedoch eine interessante und mitreißende Hintergrundgeschichte hat. Aber auch viele Charaktere, denen man unterwegs begegnet, haben eine eigene Geschichte zu erzählen, die sich mit all dem Rest zu einem überzeugenden Ganzen fügt.

Am interessantesten ist aber wahrscheinlich Grimoire Weiss, ein magisches Buch, das sich dem Spieler auf seinen Reisen anschließt und das Wirken von Zaubern ermöglicht. Chronisch schlecht gelaunt und immer einem lockeren Spruch auf den Lippen bringt Weiss mehr als nur ein wenig Humor ins Spiel.
Was das Spiel jedoch vorrangig zu vermitteln schafft, ist eine etwas trüb- und tiefsinnige Stimmung, die sich u.a. in den Hintergrundgeschichten der Charaktere niederschlägt.

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Gameplay

Das ganze Spiel über steuert man nur einen Charakter (nennen wir ihn in Ermangelung eines Namens „Nier”), kann jedoch von bis zu zwei weiteren Charakteren, die am Kampfgeschehen teilnehmen, begleitet werden. Auf den ersten Blick erinnert Nier sehr an ein klassisches Hack & Slay: Per Knopfdruck greift man Gegner, die sich frei durch die Spielwelt bewegen, an; weitere Tasten ermöglichen es, zudem verschiedene Zauber anzuwenden oder auszuweichen. Im Vergleich mit anderen Ost-RPGs wirkt Nier also überraschenderweise sehr westlich - vor allem, weil rundenbasierte Kämpfe und niedliche Charaktere fehlen. Die Kämpfe sind actionreich und machen viel Spaß, vor allem, wenn man gegen riesige Endgegner kämpfen muss.

Das Spiel bietet jedoch noch einiges mehr als Kämpfe in Echtzeit und ist mitnichten ein reines Prügelspiel, dessen Sinn es ist, möglichst viele Gegner zu besiegen. So ist es z.B. möglich, zahlreiche Zusatzmissionen zu erfüllen, in denen es manchmal darum geht, ein Monster zu besiegen, manchmal aber auch darum, einer Figur einen oder mehrere Gegenstände zu bringen. Zur Auflockerung gibt es Minispiele (z.B. Angeln), die jedoch teilweise etwas schwer von der Hand gehen, da ihre Steuerung nur knapp erklärt wird.

Wenn man sich mit all diesen Spielelementen beschäftigt, ist es gut möglich, an die 50 Stunden oder mehr mit diesem Spiel zu verbringen, während die Haupthandlung nämlich nur relativ wenig Zeit einnimmt, bietet Nier eine riesige Anzahl von teils fordernden Nebenmissionen. Hier wäre jedoch auch ein Kritikpunkt zu nennen: Viele Nebenmissionen sind zwar nicht auf Anhieb zu bewältigen, jedoch ähneln sich viele der Aufgaben. Während es durchaus interessante Aufgaben gibt, existieren auch solche, die es verlangen, dass man eine bestimmte Anzahl verschiedener Gegenstände sammelt. Das ist oftmals sehr nervig, da es unweigerlich dazu führt, dass man viele Gebiete mehrmals ablaufen muss und hinterher immer noch nicht genug gefunden hat. Manche Gegenstände, die fürs Abschließen einer Aufgabe verlangt werden, sind nämlich so selten, dass man Stunden umherlaufen könnte, ohne eine Handvoll zu finden. Diese Aufgaben hätte man durchaus abwechslungsreicher gestalten oder nach Abschluß immerhin mit einem Storyhäppchen belohnen können.

Neben den Nebenmissionen sind jedoch besonders die weiterführenden Enden zu erwähnen: Nach dem Durchspielen ist es möglich, an einem späteren Punkt in der Geschichte wieder einzusetzen, um ein anderes Ende zu erhalten. Bis dahin bietet ein neuer Durchlauf jedoch auch zusätzliche Sequenzen, in denen Handlung und Charaktere näher beleuchtet werden.
Bei dieser Vielfalt an Inhalten überrascht es, dass die Spielwelt relativ klein ausfällt: Es gibt insgesamt nur acht Orte im Spiel und vier davon sind Städte, in denen es möglich ist, Ausrüstungsgegenstände zu kaufen oder neue Missionen zu erhalten. In diesen spielt sich auch der Großteil des Spieles ab und man ist quasi immer damit beschäftigt, von einem Ort zum anderen zu laufen - was aufgrund der kleinen Welt glücklicherweise nicht stört. Erst später erhält man ein Boot, mit dem es möglich ist, die Wege zumindest abzukürzen.

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Grafik & Musik

Mancher mag möglicherweise die Kameraperspektive des Spiels interessant finden. Man guckt dem Hauptcharakter zwar die meiste Zeit von hinten über die Schulter, in manchen Arealen springt die Kamera jedoch um und man guckt aus der Vogelperspektive auf das Spielgeschehen oder aus einer seitlichen Perspektive, wie in einem Jump & Run. Es gibt jedoch auch Momente, in denen das komplette Spielgeschehen nur aus Text besteht und eine - in der Regel - interessante Geschichte zu einem Charakter erzählt wird. Diese Geschichten sind letztendlich zwar gelungen, aber glücklicherweise kommen sie nur zu ein paar Gelegenheiten vor - das Lesen von schlicht weißem Text auf schwarzem Hintergrund ist schnell ermüdend und will gefühlsmäßig gar kein Ende nehmen. Dafür hätte ich mir eine bessere Lösung gewünscht.

Die Graphik des Spieles ist durchschnittlich, aber durchaus sehenswert, da sie nicht dem typischen Ost-RPG-Klischee entspricht. Diese Welt wirkt eher rau als niedlich und bunt und der Held ist ein erwachsener Mann, wie man ihn auch nicht in jedem japanischen Rollenspiel sieht. Die zweite Version des Spieles, die sich nur darin unterscheidet, dass man eine weit jüngere Version des Hauptcharakters spielt, hat es nicht auf den europäischen Markt geschafft.
Auch wenn die Graphik trotz aller Pluspunkte etwas veraltet wirkt für eine Konsole wie die Playstation 3 und XBox 360, sind gemachte Vergleiche mit der Graphik eines durchschnittlichen Playstation-2-Spieles nicht zutreffend, denn Nier ist durchaus ansehnlicher.

Bisher dachte ich, ich würde Uematsus Musik am meisten mögen, aber das war einmal. Das, was die Entwickler von Nier am besten gemacht haben, ist nämlich ganz eindeutig der Soundtrack des Spieles, für den sich kein Uematsu, sondern die Komponisten Takafumi Nishimura und Keiichi Okabe (u.a.) verantwortlich zeigen. Die meisten Stücke werden von Gesang und einem Orchester getragen, in einigen Stücken wirkt zudem ein Chor mit. Viele dieser Stücke unterstreichen die Atmosphäre des Spiels wunderbar und der Gesang der Sängerin Emi Evans (für das Spiel haben sich die Komponisten extra Texte in einer eigens dafür erfundenen Sprache ausgedacht) sorgt dafür, dass dieser Soundtrack definitiv zu den besten, die soweit erschienen sind, gezählt werden kann. Auch wenn Kritik naturgemäß mehr Spaß macht, kann man diesen OST nur mit einem Wort beschreiben: Brilliant. Auch die Synchronisation der Charaktere ist jedoch sehr gelungen.

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Trailer

Fazit

Letztendlich kann ich Nier allen empfehlen, die Wert auf ein actionreiches Rollenspiel heben, das sich durch seine ansprechende Präsentation und einen hohen Wiederspielwert von der Masse abhebt. Vor allem Spieler von West-RPGs dürften die zügigen Kämpfe gefallen, und alle anderen erfreuen sich an einer interessanten Geschichte, unzähligen Missionen und einem gelungenen Spielprinzip. Die von mir genannten Kritikpunkte verschwinden beinahe völlig hinter all dem, was Nier sonst bietet und spätestens wenn man seine Anlage voll aufdreht, ist der Spielspaß garantiert. 

Nier ist definitiv mein Spiel des Jahres 2010.