Catherine

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Review

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It's no RPG

Normalerweise werden bei uns ausschließlich Reviews zu japanischen Rollenspielen verfasst. Umso verwunderlicher ist es dann, dass das Thema dieses Reviews, das gerade frisch in den USA erschienene Catherine gar kein Rollenspiel ist! Im Gegenteil, das von Atlus entwickelte Spiel wurde schon im Vorfeld als non-RPG beschrieben, sodass auch von Anfang an keine falschen Hoffnungen entstehen konnten.

Doch wer Atlus kennt, dem fällt wahrscheinlich die Shin-Megami-Tensei-Serie ein. Und wenn euch diese Serie kein Begriff ist, dann möglicherweise die ebenfalls von Atlus stammende Persona-Reihe. Das Persona-Team werkelte auch an Catherine und das sieht man an allen Ecken und Enden – sei es nun der spezielle Stil der Spiele oder die mystischen und abgedrehten Thematiken. Obwohl die HD-Generation nun nicht mehr die jüngste ist, bleibt Catherine das bisher einzige Heimkonsolenspiel von Atlus und mehr oder weniger ein erster Gehversuch – wenn auch ein äußerst gelungener! Sowohl in Japan als auch in Amerika hat das Spiel einen für Nischentitel ungewöhnlich guten Start hingelegt und gilt als bisher bestverkaufter Titel der Firma. Auch die Fachpresse und die Fans haben einen großen Hype um das Spiel entfesselt, der sicherlich nicht unerheblich zu den Verkaufszahlen beitrug.

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Catherine oder Katherine?

Doch woher kommt dieser Hype?

Ein Grund ist das ausgefallene Szenario: Catherine bietet eine mysteriöse Geschichte über Serienmorde und Fremdgehen. Diese doch ungewöhnliche Kombination erfährt der 32-jährige Hauptcharakter Vincent bald am eigenen Leibe. Seine Freundin Katherine möchte langsam Ernst machen und beginnt erste Hochzeitspläne zu schmieden, was Vincent mehr oder weniger in Bedrängnis bringt. Da trifft es sich blendend, dass die zehn Jahre jüngere Catherine genau Vincents Typ ist und mit ihm einige Nächte lang flirtet – bis die beiden eines morgens gemeinsam nebeneinander aufwachen. Nackt. Doch wer ist Catherine überhaupt? Was hat es mit den Serienmorden auf sich? Und worin liegt die Bedeutung von Vincents Alpträumen, in denen er auf Schafe trifft und von allerlei merkwürdigen Gestalten verfolgt wird?

Die obskur erscheinende Geschichte wird spannend und unterhaltsam erzählt. Während der zehn Spielstunden gibt es jedenfalls keine Hänger, was man zum Beispiel von Persona 3 und 4 nicht unbedingt behaupten kann. Der wahre Verdienst ist aber nicht die einfallsreiche Geschichte, sondern die Art und Weise des Vortragens. Obwohl die Geschichte schwere (erwachsene) Themen wie Lebensplanung, Beziehungen und moralische Vorstellungen anspricht, wird man von dem Spiel nie mit der Schwere dieser Themen erdrückt. Statt viel Pathos und Kitsch stehen hier gut geschriebene Dialoge im Vordergrund, in denen auch der Humor nicht zu kurz kommt. Das ist in Zeiten, in denen in Videospielen alles tragisch und mit viel Dramatik präsentiert wird, eine ausgesprochen erfrischende Herangehensweise. Die lockere und in Teilen lustige Atmosphäre wird mit einem Schuss cooler Musik, leichtem Horror und sogar Erotik gemischt. Nicht umsonst hat Catherine in den USA ein Mature-Rating ( ab 17 Jahren) bekommen. Bei der Präsentation wurde alles aufeinander abgestimmt und nichts dem Zufall überlassen. Eine Detailverliebtheit, vor der man ruhigen Gewissens den Hut ziehen kann.

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Kletter oder stirb!

Wer nun dachte, dass bei der Story der innovative Ansatz endet, der irrt. Auch beim Gameplay wurden neue und erfrischende Wege beschritten, die bei dem einen oder anderen Spieler aber bestimmt nicht nur mit Wohlwollen aufgenommen wurden. Wenn ich euch nach der Gameplaysünde schlechthin fragen würde, dann würdet ihr bestimmt mit „Kistenrätsel!” antworten. Und wisst ihr was? Der Großteil des Gameplays von Catherine besteht aus.....Kistenrätseln! Doch bevor ihr jetzt genervt auf das X eures Browsers klickt, lest weiter. Zunächst mal sind Kistenrätsel nicht gleich Kistenrätsel und mit Catherine hat Atlus alles rausgeholt, was man aus diesem Element rausholen kann. Das Ergebnis bringt sogar Spaß! Habt ihr euch einmal an den Fluss dieser Abschnitte gewöhnt, wollt ihr nichts anderes mehr als Kistenrätsel lösen, vertraut mir.

Wie angesprochen hat Vincent hin und wieder Alpträume, die es zu überstehen gilt. Um zu überleben, muss er einen Turm aus Blöcken erklimmen und das erlösende Ziel erreichen. Das alles geschieht aber unter Zeitdruck, denn die jeweils letzte Blockreihe verabschiedet sich mit der Zeit ins Nirvana - und ihr euch auch, wenn ihr zu lange braucht. Das sorgt dafür, dass ihr während dieser Sequenzen unter Anspannung steht und schnell Entscheidungen treffen müsst. Wie baut man die Blöcke nun am besten zusammen, damit sich ein rettender Pfad nach oben ergibt? Das Erklimmen des Turmes hält euch stark auf Trapp, sodass Langweile ein Fremdwort bleibt. Auch diverse Taktiken wollen erlernt und angewandt werden, damit ihr euch auch aus ausweglosen Situationen retten könnt.

Doch damit nicht genug. Neben den normalen Blöcken gibt es noch bröckelnde Blöcke, unbewegliche Blöcke, zufällige Blöcke, rutschige Blöcke, Blöcke mit Eigenleben und und und. Ihr werdet von dem Spiel peu à peu an die neuen Blockarten herangeführt, sodass ihr stets vor einer neuen Herausforderung steht und der Kletteralltag immer ein frisches Erlebnis bleibt. Ich habe also nicht zu viel versprochen, Atlus hat aus dem Thema einiges rausgeholt. Und spätestens, wenn ihr beim Erklimmen von einem der genial designten Bosse (Baby mit Kettensäge!!) verfolgt werdet, glüht euch der Daumen. Der wird euch ohnehin glühen, denn Catherine ist selbst auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad stellenweise recht kniffelig und fordert euch einiges ab. Nicht umsonst wurde die japanische Version nach dem Release noch mit einem Very-Easy-Modus gepatcht, da sich zahlreiche Spieler beschwert hatten. Besonders in den höheren Leveln ist die Lernkurve steil und Fehler werden selten verziehen. Die ab und an etwas hakelige Steuerung trägt gelegentlich auch dazu bei, dass Catherine nicht unbedingt als einfachstes Spiel in die Videospiel-Geschichte eingehen wird.

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Eine Frage der Moral

Wenn Vincent mal keinen Alptraum hat, seid ihr meistens Zuschauer. Die Geschichte wird aufwändig mit einer tollen Grafikengine präsentiert, welche das Spiel fast schon zu einem interaktiven Anime werden lässt. Es wird interessant werden, wie das irgendwann erscheinende Persona 5 aussehen wird, das vermutlich auf der gleichen Engine basieren wird. Auch die Sprachausgabe ist professionell mit vielen bekannten Sprechern versehen, besonders Persona-Fans erleben hier ein Déjà-Vu nach dem anderen. Der facettenreiche Soundtrack sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben; er variiert von Hip Hop bis hin zu Remixes bekannter klassischer Stücke, die allesamt gelungen sind und Wiedererkennungswert besitzen.

Neben den langen Zwischensequenzen und den Puzzles spielt aber die moralische und soziale Komponente in Catherine eine große Rolle. Des Nachts hängt Vincent mit seinen Freunden in der Stray-Sheep-Bar ab, wo der zweite Gameplayaspekt von Catherine beginnt. So könnt ihr mit Katherine und Catherine SMS schreiben, euch mit den Gästen unterhalten und Alkohol trinken. Wie so vieles in dem Spiel sind auch diese Aspekte gut durchdacht. Während der Charakterinteraktionen (Dialoge und SMS) habt ihr oft die Wahl zwischen mehreren Antwortmöglichkeiten, die euer Karma beeinflussen. Ob euer Karma mehr in die blaue oder rote Richtung tendiert, beeinflusst neben Vincents Verhalten in einigen Schlüsselmomenten auch, wie die Geschichte endet - und mit acht unterschiedlichen Enden ist Catherine gut bestückt. Wichtig bei dieser moralischen Komponente ist, dass euch das Spiel an Vincents Dilemma aktiv teilhaben lässt. Gibt man sich der attraktiven Catherine hin und geht auf ihre Flirtversuche ein oder wimmelt man sie ab und bleibt Katherine treu? Dieses Spiel mit der Moral haben die Entwickler klasse gelöst und es wird euch mit Sicherheit passieren, dass ihr zwischen den Frauen steht und euch nicht entscheiden könnt. Eben genau so wie Vincent selbst.

In den Alpträumen seid ihr übrigens nicht alleine, sondern stoßt in den Ruhephasen noch auf andere Schafe. Diese trefft ihr auch in der Stray-Sheep-Bar an (hier allerdings als Menschen ;-) ) und könnt ihnen bei ihren Problemen aktiv unter die Arme greifen. Allerdings unterliegen alle Gäste in der Bar der Zeit und sind nur temporär verfügbar, wodurch Zeitmanagement angebracht ist. Das erinnert nicht von ungefähr an die Social Links der Persona-Reihe, wenn auch hier in etwas vereinfachter Form. Grundsätzlich gilt, dass ihr mit allen Menschen quatschen und so von jedem die (meist interessante) Hintergrundgeschichte erfahren könnt. Ihr könnt es aber auch lassen, die Wahl liegt bei euch. Ein kleines Gimmick ist der Alkohol. Durch das Trinken erfahrt ihr einerseits Vincents Gedanken, andererseits gibt es mit jedem geleerten Glas ein nettes Trivia rund um Alkohol. Der Stoff hat aber auch spielerische Auswirkungen auf Vincent, der sich bei einem hohen Alkoholpegel während der Alptraumsequenzen schneller fortbewegt. Da sage noch mal jemand, dass Alkohol sich negativ auf die motorischen Fähigkeiten auswirkt.

Die Langzeitmotivation bei Catherine ist übrigens ziemlich hoch. Ein Durchgang dauert seine 10 Stunden, aber die insgesamt acht Enden und unterschiedlichen Entscheidungen in Punkto Moral und Charaktere motivieren zum erneuerten Durchspielen. Und wer vom Kistenschieben nicht genug bekommen kann, beißt sich im Babel-Modus und den wirklich schwierigen Rapunzel-Rätseln die Zähne aus.

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Trailer

 

 

Fazit

Catherine ist ein erfrischendes Spiel mit stimmiger japano-Ästhetik und ungewöhnlichen Gameplayelementen, die toll umgesetzt sind. Erfreulicherweise behandelt es erwachsene Themen, ohne dabei mit zu viel Pathos und Kitsch daherzukommen. Auch der Rundumschlag mit der Moralkeule bleibt zum Glück aus - im Gegenteil. Schwarz-Weiß-Malerei existiert hier nicht, alles hat seine Gründe.

In der heutigen Zeit, in der Spiele mit Bombastoptik und Hollywood-Präsentation daherkommen, ist ein Spiel wie Catherine ein ziemliches Novum, wenn nicht sogar Wagnis. Umso mehr sollte der Mut von Atlus belohnt werden, ein solch unkonventionelles, kompromissloses und unterm Strich tolles Spiel auf den Markt zu werfen. Ja, auch wenn man keine Kistenrätsel mag.


Das Review bezieht sich auf die US-Version des Spiels. Eine Veröffentlichung im europäischen Raum ist bereits bestätigt und erfolgt durch Deep Silver. Das Releasedatum stand zum Zeitpunkt der Publikation jedoch noch aus.