Ar Tonelico Qoga: Knell of Ar Ciel

Cover von Ar Tonelico Qoga: Knell of Ar Ciel

Review

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Das Spiel

Ar Tonelico Qoga ist bereits der dritte Teil der hierzulande eher unbekannten Ar Tonelico-Serie des Entwicklers Gust und führt die Trilogie zu ihrem großen Finale. Das Spiel erschien bereits Januar 2010 in Japan und fand ein gutes Jahr später im März/April durch NIS den Weg in westliche Gefilde. In den USA wurde das Spiel in einem großen Pappschuber mit gratis Soundtrack und Artbook ausgeliefert, in der europäischen Ausgabe ist davon immerhin der Soundtrack übrig geblieben. Eine Fortsetzung oder gar neue Trilogie ist von Gust angedacht, konkrete Pläne gibt es allerdings noch nicht.

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Die Story

Die Besonderheit der Ar Tonelico-Serie ist die umfassende Welt mit eigener Mythologie und Sprache. Wobei „Welt” etwas optimistisch ausgedrückt ist, denn die eigentliche Welt ist unbewohnbar. Drei Türme, die über dem „Sea of Death” schweben, stellen die letzte Bastion der Menschheit dar. Qoga nimmt sich den dritten und letzten Turm als Schauplatz und erzählt die Geschichte von Aoto, der das Reyvateil Saki vor dem Imperium Clustania beschützen will.

Reyvateils sind Dreh -und Angelpunkt der Geschichte, denn die künstlich geschaffenen Frauen beherbergen durch ihre Gesänge immense Kräfte. Es ist daher nur logisch, dass es hin und wieder Gruppierungen gibt, die sich eben diese Mächte zu Nutze machen wollen. Das von Reyvateils bevölkerte Clustania hat sich hierbei Saki als Ziel ausgesucht und sie gehen nicht gerade zimperlich zur Sache, wenn es um ihre Entführung geht. Turmarbeiter Aoto rettet Saki mehr durch Zufall aus den Fängen Clustanischer Angreifer und macht es sich fortan zur Lebensaufgabe (!) Saki zu beschützen. Was es mit Sakis Kräften auf sich hat und welche Rolle das Reyvateil Finnel dabei spielt, darüber wird der Spieler lange im Dunkeln gelassen. Nun haben wir mit Ar Tonelico Qoga ein typisches Rollenspielgerüst, das typischer gar nicht sein kann: Schwertschwingender Jüngling rettet unschuldiges Mädchen vor bösem Imperium und ergründet dunkle Mysterien. Dass das nicht schlecht sein muss, haben bereits ein paar Rollenspiele gezeigt, nur sollte man schon im Vornherein nicht den Heiligen Gral der Innovation erwarten. Auch die Charaktere sind nicht unbedingt das, was man noch nie gesehen hätte: Sie alle haben einen recht typischen Charakterzug (heldenhaft, tollpatschig, hilfsbereit, genervt, um ein paar Beispiele zu nennen) und abseits dieses einen Charakterzugs gibt es nicht mehr sonderlich viel zu Ergründen.

Einzig die beiden Reyvateils aus eurer Gruppe (Saki und Finnel) sind buchstäblich vielschichtige Charaktere, denn sie haben nicht nur eine, sondern gleich mehrere Persönlichkeiten mit passendem Aussehen, die bei Zeiten zum Vorschein kommen. Doch nicht nur das, Hauptcharakter Aoto kann über das Diving in die Gedankenwelt der beiden (Cosmosphere) eintauchen und so das eine oder andere Detail erfahren. Die lustigen und sehr abgedrehten Szenen in der Cosmosphere sind definitiv das Highlight des Spiels und warten mit der ein oder anderen bizarren oder lustigen Idee auf.

Das kann man von der eigentlichen Geschichte weniger sagen. Das fängt schon beim Pacing an, denn wichtige Organisationen oder Ereignisse werden euch im Eiltempo vorgestellt. Auch bestimmte Personen werden dem Spieler hurtig vor die Nase gesetzt, ohne sie ausreichend einzuführen. Dazu zählen auch Motivation und Motive der Hauptcharaktere: Anfangs opfert sich Aoto völlig für die Rettung Sakis auf, obwohl er sie gar nicht kennt und ihn nur eine halbnackte Ritterin um die Beschützung Sakis bittet. Viele Entwicklungen, sei es nun in der Story oder bei den Charakteren, sind derart vereinfacht und fast schon degeneriert dargestellt, sodass sie schlicht unglaubwürdig sind.

Der Spannungsbogen leidet zusätzlich darunter, denn der Informationsfluss ist immens und dazu zählen auch viele Szenen, welche die Story nicht vorantreiben und sehr zäh geschrieben sind. Natürlich hat das Spiel auch seine Momente und sogar Wendungen, die jedoch alles andere als unvorhersehbar sind. Noch dazu leidet das Spiel sehr darunter, dass es von der Inszenierung her weder Fisch noch Fleisch ist. Mal wird auf episch gemacht, die Ereignisse werden hochgepuscht, verlaufen letztendlich aber doch im Nichts. Ein Beispiel ist die Szene am Anfang: Aoto flieht mit Saki vor der Clustanischen Armee und anstatt Spannung aufzubauen, verwandelt Saki die Angreifer in Tortenstücke. Solche Momente gibt es zu Hauf, immer wieder verleihen die Entwickler dem Spiel einen sehr humoristischen Charakter, wodurch die ernsten Szenen ihren Zauber völlig verlieren und schlicht nicht mehr ernst genommen werden können. Es ist unpassend, über wichtige Dinge zu reden und das alles in zweideutige Dialoge zu verpacken, denn sexuelle Anspielungen (die in Amerika schon für ein Mature-Rating gereicht haben) sind Gang und Gebe. Prinzipiell ist Humor in Rollenspielen nichts Schlechtes und es verleitet sicherlich den einen oder anderen zum Schmunzeln, leider hat Entwickler Gust die Gradwanderung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor völlig verfehlt.

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Gameplay

Zu leicht, ohne Anspruch, langweilig – Beschreibungen, die einige Fans des Genres bereits von Spielern der japanischen Fassung gehört haben. Ehrlicherweise muss ich nach dem Spielen der westlichen Version zu folgendem Schluss kommen: stimmt. Wenn auch nicht ganz so extrem, wie es viele Spieler vielleicht darstellen möchten, doch der Reihe nach.
Dem meist typischen Rhythmus von Stadt-Dungeon-Stadt gibt es auch hier und schon gleich zu Anfang setzt euch das Spiel optisch immer gleiche Dungeons vor, die mit diversen Schatzkisten und teils simplen Rätseln bestückt sind. Dabei ist das Design selbst zwar nicht anspruchsvoll, aber dafür sind die kompakten Dungeons schnell durchgespielt und zerren nicht an den Nerven. Das tun überraschenderweise auch die (ja, ihr lest richtig) Zufallskämpfe nicht, die nach einer Zeit gar nicht mehr auftreten und euch ungestört die kargen Dungeons erforschen lassen.

Das Kampfsystem ist definitiv einfallsreich und man kann Gust auf keinen Fall vorwerfen, nichts mal was Innovatives ausprobiert zu haben. Das Grundgerüst ist recht typisch und schon aus vergleichbaren Rollenspielen mit Action-Kampfsystem wie der Tales-Serie bekannt. Dennoch gibt es hier einige Kniffe. Ein Kampf läuft grundsätzlich so ab, dass drei Angreifer das wehrlose Reyvateil verteidigen, das seinerseits während des Kampfes ein Lied singt. Während es das tut, steigt kontiniertlich die Burst-Prozentzahl. Ist die besonders hoch, ist auch die per Knopfdruck freigesetzte Magie verheerend und nötig, um den Kampf zu euren Gunsten zu entscheiden. Ihr hingegen steuert einen Angreifer (meist Aoto) und beschützt das Reyvateil. Nebenher achtet ihr auf die Songleiste am unteren Bildschirmrand und schlagt genau dann zu, wenn euer Reyvateil gerade einen hohen Ton singt. Tut ihr das oft genug, lässt das Reyvateil die Hüllen fallen und verfügt über noch stärkere Magie. Und das tut ihr immer und immer wieder. Zugegeben, das System ist auf dem Papier in Ordnung, nur gibt es absolut keine Taktik, keine Abwechslung und keinen wirklichen Anspruch. Die Kämpfe sind derart einfach, dass ihr die Mechaniken meist überhaupt nicht benötigt und auch blind durch das Spiel kommt. Das Schema ist dabei meist 3x Angriff mit einem Zusatzangriff als Abschluss, dann das Ganze von Vorne. Nebenbei passt man noch schön auf, dass man während eines hohen Tones angreift und das war es eigentlich auch schon. Nicht unbedingt spaßig, aber dank der gefühlten fünf Sekunden Kampfzeit ist so ein Zufallskampf auch schnellstens wieder vorbei.

Der restliche Spielverlauf gibt sich recht linear, dennoch gibt es einige verpassbare Sachen und Sidequests. Gesprächsthemen, seltene Gegenstände, das Herstellen von neuer Ausrüstung – dieser Aspekt des Gameplay ist tatsächlich gelungen. Besonders die optionalen Gesprächsthemen sind interessant und es ist schön zu sehen, dass die Protagonisten in Rollenspielen auch mal über ganz alltägliche Sachen reden können. Überhaupt ist den Entwicklern die Charakterinteraktion recht wichtig gewesen, selbst beim Herstellen neuer Gegenstände werdet ihr oft mit kurzen Plaudereien belohnt. Selbiges ist übrigens simpel und läuft über gefundene Gegenstände ab, das passende Rezept zur Herstellung des neuen Gegenstandes natürlich vorausgesetzt. Dennoch ist das auch die einzige Möglichkeit, um an neue Ausrüstung heranzukommen, da die Händler in der Regel nur recht schwache Gegenstände verkaufen, die zur Objektsynthese gebraucht werden.

Und um auch mal ein paar lobende Worte loszuwerden: Die Cosmosphere ist auf jeden Fall ein Pluspunkt des Spiels. Sobald ihr Zugriff auf die Psyche der Reyvateils habt, befindet sich Aoto in den Tiefen ihrer Gefühlswelt und versucht, ihre Probleme zu lösen. Das alles dient vornehmlich dem Erlernen neuer Zauber, allerdings erfahrt ihr auch das ein oder andere pikante Detail über die Mädchen. Diese als Text-Adventure präsentierten Sequenzen sind jedenfalls einer der wenigen Lichtblicke des Spiels, denn wer wollte nicht schon immer mal ein verstopftes Klo reparieren?

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Grafik & Musik

Wer von einem Nischenrollenspiel eines Nischenhersteller grafisch Großartiges erwartet, der wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Schauen wir uns die Sachlage mal an: Die handgezeichneten Hintergründe in Städten sind hübsch, aber leblos. Im Gegensatz dazu sind die Dungeons vollständig dreidimensional und erinnern an frühe PS2-Titel, noch dazu werden diese Hintergründe das ein oder andere Mal recycelt. Die Charaktere sehen okay aus, ein paar Details mehr wären nett, aber zum Großteil sind die 3D-Modelle in Ordnung. Unterm Strich also ein gewiss nicht schönes Spiel, was der Zielgruppe aber ohnehin egal sein sollte. Und die hat auch schon Hässlicheres gespielt.

Mit dem Stil steht und fällt die ganze Sache hingegen und zugegeben, der Stil ist absolut Speziell – es ist eben nicht so, dass die sexuellen Anspielungen unbedingt bei den Dialogen aufhören. Gefällt definitiv nicht jedem und man sollte sich vor dem Kauf auch bewusst sein, dass das Spiel zum Großteil ein Visual Novel ist. Soll heißen, bei 90% der Gespräche werden die Artworks der Charaktere eingeblendet, richtig animierte Zwischensequenzen gibt es kaum und wenn, sind es höchstens Anime-Schnipsel. Wem der Stil nicht gefällt, der wird es reichlich schwer haben.

Die Musik macht es einem ebenfalls nicht einfach, von wirklich grandiosen Stücken bis hin zu unsäglich nervigen Vertretern ist die ganze Bandbreite vertreten. Es ist schwierig, einen Soundtrack zu beurteilten, der eine solche Vielfalt an unterschiedlicher Qualität ausweist. Ich beschränke ich mal auf das Wort „speziell”. Passend zum Spiel also. Neben der üblichen englischen Vertonung, die abgesehen von wenigen Heliumstimmen gelungen ist, dürften sich einige Fans auch über die japanische Tonspur freuen.

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Trailer

Fazit

Obwohl man das Geschehen auch sehr gut ohne Kenntnis der Vorgänger verfolgen kann, dürften Veteranen mit dem Spiel noch am meisten Spaß haben. Nicht zuletzt, da die Serie hier ihr Finale hat und einige brennende Fragen geklärt werden. Auch beinharte Anime-Fans, die wirklich jeden Kram haben müssen, können einen Eintrag mehr auf ihre Sammelliste setzen.

Dem Rest, spricht allen ausgehungerten JRPG-Fans, kann ich dieses Spiel absolut nicht empfehlen und spreche eher noch eine Warnung aus. Um Fair zu sein: Das Spiel macht auch was richtig, die Story hat nette Augenblicke, einige Gespräche sind ganz nett, auf dem Papier macht das Gameplay immerhin keine schlechte Figur und dennoch konnte der Entwickler seine Ambitionen nicht richtig umsetzen. Besonders scheitert das an dem Verhältnis von Humor und Ernsthaftigkeit, die hier so gar nicht hinhauen möchte. Aber auch andere Aspekte wie ein gelungener Spannungsbogen oder einfach mal Innovationen in der Story selbst sollte man hier absolut nicht erwarten. Schade um das verschwendete Potenzial, denn es stecken eigentlich fähige Leute hinter dem Spiel. Leider ist Ar Tonelico Qoga ein Spiel, bei dem man das nicht sonderlich merkt.

-by thickstone