Hyperdimension Neptunia Victory

Cover von Hyperdimension Neptunia Victory

Review

Einleitung

Es hätte wohl kaum jemand vor 3 Jahren erwartet, als das erste Hyperdimension Neptunia-Game veröffentlicht wurde, was für eine Entwicklung diese Serie in den nächsten Jahren erfahren würde. Obwohl moefizierte Konsolen, die in niedlichen Analogien unsere Spieleindustrie und Konsolenkriege abbilden, ein potenziell durchaus interessantes Konzept ist, so hat kaum jemand geglaubt, dass Compile Heart, welches den zweifelhaften Ruf einer Low Budget-Entwicklungsschmiede für eine spezielle Otaku-Zielgruppe genießt, hier wirklich ein gutes Spiel abliefern kann. Und tatsächlich blieb der erste Neptunia vor allem durch technische Mängel weit hinter den Erwartungen zurück.

Inzwischen hat sich Compile Heart zu einem der wichtigsten Entwicklerstudios für JRPGs dieser Generation entwickelt. Mit Hyperdimension Neptunia V haben sie nun wohl ihr bisher bestes Spiel herausgebracht, was sich im Vergleich zu anderen Genrevertretern keinesfalls verstecken muss, im Gegenteil dürfte es wohl eines der besten Spiele dieser Generation sein.

Da es sich bei Hyperdimension Neptunia V um ein direktes Sequel zu Hyperdimension Neptunia mk2 handelt, wird dieses Review mk2-Spoiler enthalten. Ohnehin wird gleich in den ersten Spielminuten die ganze Geschichte des Vorgängers kurz zusammengefasst. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es ausdrücklich empfohlen ist, mk2 vor Victory zu spielen. Es ist zwar nicht notwendig um die Geschehnisse und Charakterbeziehungen in diesem Spiel nachvollziehen zu können, aber da ein großer Teil des Charmes von Charakteren und Anspielungen ausgeht, sollte man für einen größtmöglichen Spielspaß diese bereits kennen.

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Story

Nachdem Nepgear und ihre Freunde Neptune und die anderen Göttinnen gerettet und zusammen mit ihnen Arfoire besiegt und somit Gamindustri Frieden verschafft haben, können Neptune und die anderen ihre Zeit wieder mit Videospielen und Streitereien um die beste Videospielkonsole, wer denn nun die beste Göttin sei, verbringen. Histoire gefällt das gar nicht, möchte sie doch, dass Neptune sich endlich mal ihren Pflichten als Göttin bewusst wird und aufhört, ihre Zeit mit Zocken und Schlafen zu verschwenden. Durch eine ungünstige Verkettung von Zufällen, wird Neptune, die von Histoire gezwungen gerade dabei war ein paar Quests für Planeptunes Gilde zu erfüllen, von einem Wurmloch erfasst und landet in einem alternativen Gamindustri, dass sich an die Videospielindustrie unserer 80er Jahre orientiert. Lowee dominiert das Land, Planeptune ist am Schwächeln und Lastation und Leanbox existieren in ihrer bekannten Form noch gar nicht. Zu allem Überfluss versucht eine Untergrundgruppierung namens „Die sieben Weisen“ die Göttinnen zu stürzen. Wird Neptune in dieser merkwürdigen Welt Pudding finden und vielleicht auch einen Weg, wieder nach Hause zu gelangen?

Der Plot von Victory klingt interessant und hat auch eine Menge Potenzial. Wer sich etwas mit Videospielgeschichte auskennt (oder einfach schon uralt, das heißt über 30, ist) wird seinen Spaß an den vielen Anspielungen haben, die das Script von Neptunia V zu bieten hat. Sowieso hagelt es nur so von doofen Witzen, Memes oder Parodien auf bekannte Produkte, Tropen oder die Popkultur, so wie man es schon von den beiden Vorgängern gewohnt ist. Obwohl die Gagdichte wahrscheinlich höher ist, als sie es noch in mk2 war, so muss man allerdings auch dazusagen, dass das Script einiges an seinem feinsinnigen und kritischen Humor eingebüßt hat. Nichts an der Geschichte oder ihren Charakteren ist tiefgründiger als es für den Humor notwendig ist, ernstzunehmendes Drama oder gar Charakterentwicklung, wie sie bei den CPU Candidates in mk2 durchaus noch vorhanden war, ist in Victory zu finden. Das Spiel ist pure Unterhaltung; eine interessante Handlung, die mehr zu bieten hat als lustige Referenzen oder gar logisch ist, sollte man nicht erwarten. Das Script von Hyperdimension Neptunia mk2 war Kabarett auf hohem Niveau, Victory ist hingegen nur, wenn auch sehr gute, Comedy.

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Gameplay

Auf den ersten Blick sieht Neptunia Victory aus wie eine überarbeitete Version von mk2 und im Kern ist sie das auch. Die Engine vom zweiten Teil dient als Fundament, aber Compile Heart hat genügend neue Funktionen und überarbeitete Mechaniken eingebaut, dass es ungerecht, wäre bei Victory einfach nur von einem mk2 2.0 zu reden. Der größte Kritikpunkt an Neptunia mk2 war wohl, dass es einfach viel zu wenig Content bot, die durchaus interessante Spielmechanik aber wesentlich mehr Potenzial innehatte, als es das Spiel ausgenutzt hat. Das ist schade gewesen. Compile Heart schien dieses Problem durchaus bewusst gewesen zu sein, denn was Victory nun als optionalen Content bietet, ist sehr beachtenswert.

Das Spiel ist natürlich, wie es zu erwarten war, sehr linear, bietet aber zu jeder Zeit, auch schon früh am Anfang viele optionale Quests. Dabei handelt es sich meistens allerdings um echte Herausforderungen. Einige sind für ein New Game+ gedacht, können aber schon im ersten Durchgang angegangen werden. Mit ein bisschen Mühe ist das auch möglich und der Spieler wird auch gut dafür belohnt. Sowieso motivert, wenn man auf die Spielmechanik von Neptunia V steht, dieses sehr ordentlich; es gibt immer etwas zu tun, es gibt immer jemanden, der stärker ist als man selbst und man wird auch ordentlich für seine Bemühungen belohnt. Man kann den optionalen Inhalt auch auf später verschieben. Dann bekommt man zwar eine schlechtere Abschlusswertung am Ende eines Kapitels, aber man verpasst dadurch auch nichts, was man sich nicht später auch noch holen könnte. Oder sowieso in einem New Game+. Dieses können dann Leute in Angriff nehmen, die sich die Mühen beim ersten Durchgang nicht machen wollten. Dann sind die Aufgaben zwar nicht mehr ganz so schwer, aber immer noch fordernd.

Die Quests selbst bestehen wie schon im Vorgänger nur „Beschaffe Item x-mal“ oder „Töte diesen Gegner x-mal“. Dazu gibt es zwar wieder lustige Quest-Beschreibungen, aber leider lassen die spielwichtigen Informationen über die Quests sehr zu wünschen übrig. Man weiß zwar um welche Monster oder Items es sich handelt, aber nicht wo diese zu finden sind. Und weil es eine Vielzahl an optionalen Arealen gibt, lässt sich die Suche leider nicht wirklich groß einschränken. Zu allem Überfluss gibt es in fast jedem Areal auch noch besondere Gegner, die nur unter bestimmten Ereignissen hervorkommen. Der Ungeduldige sollte sich vielleicht extern Hilfe zu den Quests in Neptunia V besorgen. Wer aber die Lust hat, die vielen Inhalte des Spiels selbst zu entdecken, kann eine Menge Zeit damit verbringen.

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Neptunia V wird oft nachgesagt, es sei sehr schwierig und dass der Schwierigkeitsgrad an manchen Stellen enorm ansteigt, aber das stimmt nur bedingt. Neptunia V ist im Gegensatz zu dem Vorgänger einfach fordernder, aber dabei nie unfair. Mit Button-Smashing kommt man nicht sehr weit. Es ist wichtig seine Partymitglieder gut auf dem Kampffeld zu positionieren, die richtigen Skills zur richtigen Zeit auszuwählen und sowieso taktisch vorzugehen. Da das grundlegende Kampfsystem dem von mk2 entspricht, soll an dieser Stelle nur auf die wichtigsten Veränderungen eingegangen werden. Diese Veränderungen sind allerdings so mächtig, dass sie die Kämpfe wesentlich strategischer machen als es im Vorgänger noch der Fall war. Zum einen wäre da die EXE Drive-Leiste. Diese Leiste füllt sich während des Kampfes langsam auf. Wenn sie um einen gewissen Anteil aufgefüllt ist, können EX-Finisher am Ende einer Kombo ausgeführt werden. Das sind einfach nur kleine charakterspezifische Skills, die einen weiteren Angriff ermöglichen. Nicht übermächtig, aber dafür verbrauchen sie auch die EXE-Gauge nicht. Allerdings können, wenn die Leiste genug aufgefüllt wurde, auch sogenannte EXE Drive Skills ausgeführt werden. Das sind die mächtigsten Angriffe, die ein Charakter zur Verfügung hat, die auch im Vergleich zu normalen Skills enormen Schaden anrichten. Diese verbrauchen die EXE Drive Gauge natürlich etwas. Die Leiste wird im Laufe der Geschichte immer länger werden, was zusätzlich noch verschiedene neue taktische Möglichkeiten im Kampf eröffnet.

Zum anderen wäre da das neue Kombo-System. Dies ist die einzige Stelle bei den Neuerungen in Victory, wo ich das Gefühl habe, dass die Veränderung keine Verbesserung sondern eine Verschlechterung zu mk2 darstellt. Im Vorgänger konnte man Angriffe im kampf so ausführen, dass man verschiedene Skills wählen konnte, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl Kombopunkte gekostet haben. Es konnten solange weitere Angriffe ausgeführt werden, wie Punkte nach einem Angriff noch übrig waren. In Victory werden die Punkte bereits beim Ausrüsten der Skills im Menü verbraucht. Während des Kampfes kann man dann pro Runde genau einen Komboangriff ausführen. Welche Combo-Skills man dafür benutzen kann, ist egal, solange man sie vorher ausgerüstet hat. In der Praxis heißt das leider, dass man sich vorher einfach die stärksten Skills ausrüstet (es können dann zwar nicht alle Skillplätze belegt werden, weil nicht genügend Punkte zur Verfügung stehen, aber das ist ja egal) und diese dann im Kampf spammt. Der einzige taktische Faktor, der im Bezug zu den Komboangriffen dann noch bleibt, ist der, ob man nun Rush, Burst oder Break-Skills auswählt, aber das klingt in der Theorie auch aufregender als es in der Praxis ist. Wenn man seine Lieblingskombo herausgefunden hat, wird man kaum in die Situation kommen eine andere benutzen zu müssen.

Außerhalb des Dungeoncrawlen gibt es auch ziemlich viel zu tun in Victory. Es gibt „Herausforderungen“ für alle seine Partymitglieder. Das sind kleine Aufgaben, die als Belohnung Stat-Ups oder Voices geben. Das ist sehr motivierend, wenn auch zeitaufwändig, möchte man diese Herausforderungen für alle seine Charaktere absolvieren. Die Aufgaben sind in der Art „Laufe x Kilometer“, „Springe x-mal in die Luft“ oder „Erteile x-HP Schaden. Selbst wenn man sie nicht bewusst erfüllt, so ploppt doch immer mal wieder ein Fenster während des Spielens auf, dass einem über eine erfüllte Challenge benachrichtigt. Das macht das Leveln und Grinden in Victory kurzweilig und motivierend, weil man stetig Erfolgserlebnisse bekommt. Ein weiteres Feature ist das Scout-System. Scouts sind Abenteurer, die für einen in Dungeons gehen und dort Items oder Geld beschaffen, neue Gebiete entdecken oder neue Monster hervorlocken können. Das kostet etwas Geld, läuft dafür aber parallel zu den eigenen Abenteuern ab und kann sehr hilfreich für den Spieler sein.

Wie immer bei Compile Heart-Spielen kann sehr viel Zusatzcontent per DLC erworben oder auch kostenlos runtergeladen werden. Es gibt einige Postgame-Dungeons und Herausforderungen, die Level-Erhöhungen von dem eigentlichen Max-Level 99 bis Level 999 erfordern. Das bringt langanhaltenden Spaß mit sich, aber leider muss man doch einige Monate nach Release des Spiels warten, bis alle DLCs verfügbar sind. Sehr nervig. Maker-Charaktere wie Iffy und Compa sind übrigens nur noch per DLC zu erwerben. Ohne DLC gibt es nur Göttinnen als Player-Charaktere. Das ist auch unschön gelöst, vor allem, weil sich die Maker nicht sonderlich gut in die Story einfügen wie es noch bei mk2 der Fall war.

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Technik / Grafik / Soundtrack

Hyperdimension Neptunia Victory könnte das bisher technisch ausgefeilteste Produkt von Compile Heart sein. Die Firma ist nicht für saubere Programmierung bekannt, und so sind die meisten Spiele leider oft von Rucklern, langen Ladezeiten und generell schlechter Performance geplagt. Victory hingegen ist nicht nur frei von diesen Makeln, es ist sogar in vielen wichtigen Momenten schneller und unkomplizierter als die meisten Genrevertreter, was einen sehr schnellen Spielfluss ermöglicht und das Dungeoncrawling, Farmen und Leveln extrem kurzweilig erscheinen lässt. Schnell Menüs wegklicken, Locations wechseln, Kämpfe bestreiten; so muss sich ein gutes Gameplay-Spiel anfühlen. Vorbildlich.

Für die musikalische Untermalung des Spiels hat man Nobuo Uematsu und seine Band Earthbound Papas dazugezogen. Der Soundtrack besteht aus neuen Kompositionen sowie auch sehr guten Arrangements bekannter Stücke aus dem unterdurchschnittlichen OST des zweiten Spiels. Leider fehlen vier auch sehr gute Stücke, unter anderem das großartige Iris Heart Theme, auf dem offiziellen Soundtrack, der z.B. auch der Limited Edition im NISA-Store beilag. Obwohl der Soundtrack von Victory insgesamt sehr gut ist, so wiederholen sich doch leider in den vielen Cutscenes die wenigen Tracks einfach zu häufig. Das liegt auch daran, dass die Szenen selbst alle etwas ähnlich sind, typisch Comedy eben. Das wird auf Dauer leider etwas eintönig.

Das Opening des Spiels Kami Jigen! Fortune Material ist wieder einmal von nao gesungen. Es führt den Trend weiter, dass der Eröffnungssong von Spiel zu Spiel fröhlicher und unbeschwerter wird. Das Lied ist durchaus gut, aber an die Qualität eines Ryuusei no Bifrost (Opening des ersten Teils) kommt es bei weitem nicht heran. Das Ending Koi wo Game Ni Shinaide ist von Afilia Saga East, einer derzeit in Japan recht populär werdenden Mädchenband für Otakus, die zu einer Reihe von Maid-Cafés in Tokyo (Afilia Group) gehört. So klingt es dann auch. Nett und lighthearted, aber auch belanglos und generisch. Die Songs repräsentieren damit durchaus die Qualität des Writings des Spiels.

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Lokalisation

Das größte Problem, was NISA seinem Produkt wieder angetan hat, ist natürlich die nur teilweise vorhandene englische Synchronisation des Spiels. Gerade mal zehn Prozent der in Japanisch vertonten Szenen sind dies auch in Englisch. Eine Schande, wenn man bedenkt, dass die englische Synchronisation schon wie in den beiden Vorgängern wirklich gut ist. Es fehlen die Stimmen auch in eine Menge wirklich wichtiger Szenen, was diese leider weitaus weniger emotional für den Spieler erscheinen lässt. Etwas ironisch erscheint ein Moment im Spiel, bei dem die Heldinnen erkennen, dass ein scheinbar unwichtiger Charakter doch etwas wichtiger für die Handlung ist, da er synchronisiert wurde … nur, dass er das in der englischen Dub eben doch nicht ist. Der Übersetzer von Mugen Souls arbeitete auch an der von Neptunia Victory. Und damit haben sich wieder einige störende Eigenheiten eingeschlichen, die schon das Erlebnis von Mugen Souls etwas beeinträchtigt haben.

NISA war schon immer dafür bekannt, dass sie sich durchaus Freiheiten bei der Übersetzung gönnen und bisher waren die durchaus lustigen Scherze, die sich mehr an ein westliches Publikum richten und so natürlich nicht im japanischen Original vertreten waren, ein Zeichen für eine gute Lokalisierung, aber seit Mugen Souls scheinen sie es etwas zu übertreiben. Zum Glück wurde nun wieder Abstand von sinnentfremdenden Übersetzungen wie Tsundere in Bipolar genommen, dafür scheint man es am manchen Stellen mit der Übersetzung etwas zu frei gehandhabt zu haben. Wer des Japanischen etwas mächtig ist und mit der japanischen Dub spielt, wird schnell merken, dass viele Textboxen nicht wirklich zu dem passen, was die Charaktere tatsächlich sagen. Einige japanische Memes wurden durch englische Äquivalente ausgetauscht, was verständlich ist, aber manche Referenzen wurden zum Beispiel gar nicht übernommen. Dachte man, dass der Spieler zu ungebildet ist um diese überhaupt zu bemerken? Oder ist sie dem Übersetzer entgangen? Einige Übersetzungen scheinen auch etwas über das Ziel hinausgeschossen zu sein; muss man im Kontext von Visual Novels wirklich Bishoujo noch mit Pretty Girl übersetzen?

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Trailer

 

 

Fazit

Hyperdimension Neptunia V ist das beste Spiel, das Compile Heart bisher herausgebracht hat und zusätzlich auch eines der besten J-RPGs dieser Generation. Wer eine gute Handlung oder feinsinnigen Humor wie in mk2 erwartet, wird wohl etwas enttäuscht werden. Wer allerdings einfach ein sehr gutes J-RPG spielen möchte - mit tollem Gameplay, viel Content und einem fordernden Schwierigkeitsgrad - der wird hier sehr viele Stunden Spaß haben können. Wem der Humor im ersten Neptunia besser gefallen hatte als in mk2, der wird wohl auch an dem Script des dritten Teils weniger auszusetzen haben als ich. Aber kein J-RPG-Fan sollte sich von den kleineren Schwächen abhalten lassen. Victory ist eine klare Empfehlung, in dem Genre zweifellos eines der besten Spiele der letzten Jahre.